Das Kapital im 21. Jahrhundert

Das Kapital im 21. Jahrhundert / Kapital und Ideologie

1845 zu Papier gebracht, aber erst 1888, also postum, nach Bearbeitung durch Friedrich Engels veröffentlicht: Die Rede ist von den Thesen über Feuerbach, in denen sich Karl Marx mit dem deutschen Philosophen, dem Materialisten Ludwig Feuerbach (1804 – 1872), auseinandersetzte und dabei die Eckpunkte des marxistischen Geschichtsverständnisses entwickelte. Die 11. – das ist die letzte und bekannteste – lautet: „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt drauf an sie zu verändern.“

Dieser kleine historische Exkurs soll zeigen, dass sich Thomas Piketty, der Autor der beiden Bücher, die wir heute vorstellen, in der Marxschen Traditionslinie sieht. Im Geiste der elften Feuerbachthese versteht er seine Disziplin, die Wirtschaftswissenschaft, primär als Sozialwissenschaft und leitet daraus die Forderung ab, „die realen Probleme dieser Welt nicht nur zu erörtern, sondern zumindest den Versuch zu machen, sie auch zu lösen.“

Bezug auf Karl Marx nimmt Piketty auch in seinen Buchtiteln. Das dreibändige „Kapital“ des Philosophen und Ökonomen erschien in den Jahren 1867 bis 1894, wobei Friedrich Engels als sein Freund und intellektueller Wegbegleiter daran maßgeblich beteiligt war. Fast anderthalb Jahrhunderte später, im Jahr 2014, erschien in der französischen Erstauflage Pikettys „Das Kapital im 21. Jahrhundert“. Bereits ein Jahr später brachte C. H. Beck die deutschsprachige Übersetzung auf den Markt. Bis heute hat sich der Titel weltweit mehr als eine Millionen Mal verkauft, eine rekordverdächtige Auflage für ein 800seitiges Buch, das an seine Leser – obgleich gut geschrieben – höchste intellektuelle Anforderungen stellt.

Aufbauend auf den grundlegenden Analysen von Karl Marx „übersetzt“ Piketty diese Erkenntnisse ins 21. Jahrhundert und zeigt das Fortbestehen der wesentlichen Merkmale des Kapitalismus im Zeitalter von Globalisierung, Digitalisierung und weiter wachsenden regionalen Disparitäten in der Wertschöpfung. Damit widerlegt er faktenreich jene Aussagen, die das Hier und Heute mit den Attributen postindustriell und postkapitalistisch beschreiben. Piketty verknüpft die Marxsche Mehrwerttheorie mit den grundlegenden wissenschaftlichen Erkenntnissen zum Wirtschaftswachstum und zur Einkommensverteilung und leitet daraus seine Kernthese ab, wonach Ungleichheit ein notwendiges Merkmal des Kapitalismus sei. Die dramatisch wachsende – der Autor bezeichnet sie sogar als exzessiv – Ungleichheit in dieser Wirtschaftsordnung könne nur durch Regulierungsmechanismen gelöst werden. Das sei zwingend. Ansonsten würde die demokratische Grundordnung gefährdet.

Piketty sieht das zentrale Instrument zur Kompensation der weiter zunehmenden Unterschiede in den Vermögen und Einkommen in der Steuerpolitik. Er fordert eine jährliche, progressive Vermögensteuer von bis zu zwei Prozent und eine progressive Einkommensteuer mit einem Spitzensatz von 80 Prozent. Dass dies gerecht sei, begründet er wie schon Marx damit, dass die ungleiche Verteilung auf dem Fortbestand von Ausbeutungsverhältnissen basiert.

Der Autor, geboren am 7. Mai 1971 im französischen Clichy, lehrt als Professor an der École d’Économie de Paris und der École des Hautes Études en Sciences Sociales (EHESS).

Bereits im Alter von 22 Jahren wurde er mit einer Arbeit über Umverteilung promoviert.

Danach, von 1993 bis 1995, lehrte er als Assistant Professor am weltberühmten Massachusetts Institute of Technology (MIT).

Mit dem „Kapital im 21.Jahrhundert“ gelangte Piketty in die erste Reihe der angesehensten Wirtschaftswissenschaftler, was nicht zuletzt Aussagen renommierter Kollegen zu seinem Buch belegen. Darunter der weltweit anerkannte Paul Krugman, der es in der „New York Times“ als „das wichtigste Buch des Jahres 2014, vielleicht des Jahrzehnts“ bezeichnete. Branko Milanovic von der Weltbank sieht darin „einen Wendepunkt in der ökonomischen Literatur“ und für Steven Pearlstein, Kolumnist der „Washington Post“, ist das Werk der „Triumph der Wirtschaftsgeschichte über das theoretische, mathematische Modellieren, das in den letzten Jahren die Ökonomie dominierte.“ Zur Massenverbreitung des Titels trugen u. a. auch ein gleichnamiger Dokumentarfilm und ein Hörbuch bei. Die also multimedial über den ganzen Globus verbreiteten Aussagen Pikettys basieren in erster Linie auf der Auswertung von Einkommensstatistiken aus den vergangenen drei Jahrhunderten. Dieser gewaltige Aufwand hat sich gelohnt. Denn die Befunde Pikettys haben damit eine solide empirische Grundlage. Wissenschaftlichen Rang, ja vielleicht gar nobelpreiswürdig ist der erstmalige Nachweis, dass Wirtschafts- und Finanzkrisen jene begünstigen, die über Vermögen verfügen. Bei geringem Wirtschaftswachstum in Phasen der Rezession stagnieren die Löhne, während die Vermögen weiter wachsen. Im Durchschnitt und inflationsbereinigt habe das Wirtschaftswachstum in den letzten drei Jahrhunderten pro Jahr rund 1,5 Prozent betragen.

Im gleichen Zeitraum seien laut Piketty die Vermögen um durchschnittlich 4,5 Prozent vor Steuern gestiegen. Auch für den Nichtökonomen ist plausibel, dass ab einer bestimmten Vermögensgröße diese Werte diversifiziert und damit weniger krisenanfällig angelegt werden können. Da dieses Kapital zumeist vererbt werde, wüchsen die Disparitäten generationsübergreifend, wie der Autor belegt.

Diese wenigen Kernaussagen können das detail- und faktenreiche Buch nur skizzieren. Eine umfassende und komplexe wissenschaftliche Rezension im Rahmen eines Blogs ist nicht leistbar.

Das gilt auch für das zweite große Werk von Thomas Piketty, das 2019 in der französischen Erstausgabe und 2020 nun auch in deutscher Übersetzung wieder bei C. H. Beck erschienen ist. Nicht nur deshalb, weil „Kapital und Ideologie“, so der Titel, mit fast 1 300 Seiten den Vorgänger um mehr als ein Drittel übertrifft. Sondern in erster Linie wegen der fortbestehenden Komplexität, aber der deutlich größeren zeitlichen Dimension des Themas.

Gegenstand ist – sehr verknappt – der Zusammenhang zwischen den jeweils bestehenden Eigentumsverhältnissen einerseits, und den vorherrschenden ideologischen und politischen Strömungen andererseits. Mit diesem Anspruch musste Piketty die Analyse in den Sklavenhaltergesellschaften ab der Antike beginnen und in der Jetztzeit beenden. Nicht ohne den Blick nach vorn mit der Frage, wie es möglich sein könnte, große Ungleichheiten in der Verteilung von Einkommen und Vermögen deutlich zu nivellieren?

Piketty weist nachdrücklich darauf hin, dass der Kapitalismus ebenso wie alle Strukturen davor keinen Naturgesetzen folgen, sondern von Menschen gemacht sind. Insofern ist für ihn die über Jahrtausende reichende Analyse kein Selbstzweck. Nur wenn wir die politischen und ökonomischen Ursachen der Ungleichheit verstanden haben, so der Autor, können wir die notwendigen Schritte für eine gerechtere und zukunftsfähigere Welt konkret benennen. Im Kern fordert der Autor, das Eigentum sozialer zu machen. Damit könnten sich die Anhänger – zu denen gehört auch der Rezensent – der im Nachkriegsdeutschland in ihren Grundzügen geprägten und auch umgesetzten Sozialen Marktwirtschaft durchaus anfreunden. Denn Begriffe wie Mitbestimmung und Sozialföderalismus finden sich schon in dem von Ludwig Erhard maßgeblich geprägten Konzept.

Der Weg zu einem Paradigmenwechsel bei der Allokation von Einnahmen und Vermögen besteht laut Piketty darin, „dass Eigentum stark progressiv besteuert wird, um eine allgemeine Kapitalausstattung und permanente Güterzirkulation zu ermöglichen. Er muss weiterhin über ein System progressiver Einkommensbesteuerung und kollektiver Regulierung von CO₂-Emissionen führen, mit dem sich die Sozialversicherungen und das Grundeinkommen, die Ökologiewende und die Durchsetzung eines wirklich gleichen Rechts auf Bildung finanzieren lassen.“ Dazu so Piketty, müsse die Globalisierung durch weltweit verbindliche Abkommen neu organisiert werden. Im Zentrum müssten quantitative Zielvorgaben für Sozial-, Fiskal- und Klimagerechtigkeit stehen. Von deren Einhaltung müsste das Fortbestehen der Handelsbeziehungen und Finanzströme abhängig gemacht werden.

Im Kern geht es Piketty also um eine radikale Reformation des kapitalistischen Wirtschaftssystems. D.h. er schließt mit radikalen und eindeutigen Formulierungen Neuauflagen des „kommunistischen Desasters“ aus. Gerade zu dieser Positionierung signalisiert der Autor dieser Zeilen Übereinstimmung. Aber genau dort setzt auch dessen grundlegende Kritik an den Schlussfolgerungen Pikettys an. Ja, brillant sind die Analysen des Franzosen, und zwar in beiden der vorgestellten Bücher. Stimmig ist auch die gerade dargestellte Conclusio – auf diesem sehr allgemeinen Niveau kein Kunststück und intellektuell unter dem Niveau der empirischen Befunde. Der allergrößte Mangel schließt sich direkt an: Piketty bleibt uns schuldig, wie der Reformprozess in der zwingend notwendigen globalen Dimension mit der ebenso gebotenen universellen Einmütigkeit praktisch umgesetzt werden soll. Was nutzt uns ein eventueller Konsens zu allgemein beschriebenen Wegen? Gar nichts. Wir wissen spätestens seit dem Weckruf des Club of Rome unter dem Titel „Grenzen des Wachstums“, warum wir zur Rettung der Welt ans Werk gehen müssen. Das war 1972. Ja, wir sind seitdem ordentlich vorangekommen! Auf dem Weg in den Abgrund. Und scheitern gerade, Anfang Juni in der durchstrukturierten und bürokratisierten EU bei der Bestimmung eines einheitlichen Zeitpunktes zur Revitalisierung der Schengen-Realität in der Corona-Krise. Piketty aber hat seinen „Plan“ für die chaotische Kakophonie der 194 Staaten auf diesem Globus „entworfen“. Ist das nicht das Szenario von des „Kaisers neuen Kleidern?“ Der hatte keine an, und Piketty hat keinen Plan. Zwei Weltbestseller ja, ein Weltveränderer? Nein. Was bleibt? Zwei klug geschriebene Bücher, die mit Daten, die in so langen Reihen noch nie aufbereitet wurden, empirisch belastbar bestätigen, was wir seit Jesus wissen: die Welt ist ungerecht!

Rezensent: Michael Schäfer 

Piketty, Thomas: Das Kapital im 21. Jahrhundert
H. Beck München
Auflage 2016
ISBN: 978-3-406-67131-9
www.chbeck.de

Piketty.Thomas: Kapital und Ideologie
H. Beck München
Auflage 2020
ISBN: 978-3-406-74571-3
www.chbeck.de

Das Fazit jeder Rezension sollte eine Leseempfehlung sein. Sie können unter jeder Buchbesprechung mit einem Blick feststellen, ob sich der Weg zur nächsten Buchhandlung oder der Klick bei amazon.de lohnt. Und was die Symbolik – vom Fünf-Sterne-Gütesiegel bis zur Blauen Tonne – bedeutet, verrät Ihnen die folgende Legende:

Labsal für Grips und Seele.

Man wird deutlich schlauer.

Ganz nützlich, aber es reicht, auf‘s Taschenbuch zu warten.

Unschädlich, und hier und da erbaulich.

Bevor man Anne Will schaut...

Segensreich – aber nur für die Recyclingwirtschaft!

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