Traditionsprojekte gesichert

Kultur im Ausnahmezustand – wie hier vor der Pfarrkirche im mecklenburgischen Dargun.

Traditionsprojekte gesichert – kreative Corona-Alternativen ermöglicht

von Prof. Dr. Michael Schäfer

„Der Mensch lebt nicht vom Brot allein“. Dieses Bibelwort hat einen zentralen Platz in unseren Wertevorstellungen. Denn es liefert auch die Begründung, warum in unserem Verständnis von Daseinsvorsorge Bildung, Kultur und Kunst eine nicht nur stabile, sondern auch zentrale Größe sind (https://wirtschaftslexikon.gabler.de/definition/daseinsvorsorge-28469). Diese theoretisch unstrittige Aussage spielte bei den Entscheidungen, mit denen in der ersten Hochphase der Corona-Krise auch in Deutschland das öffentliche Leben mit restriktiven Maßnahmen weitgehend heruntergefahren wurde, offenbar eine untergeordnete Rolle. Ob zu Recht oder zu Unrecht ist seitdem Gegenstand eines kontroversen gesellschaftlichen Diskurses. Die zentrale Frage lautet, ob die komplette Schließung aller Schulen und Kindereinrichtungen und das Lahmlegen des gesamten Kultur- und Kunstbetriebes aus der skizzierten Daseinsvorsorgeperspektive wirklich angemessen war. Denn viele der fragilen Strukturen gerade des Kultur- und Kunstbetriebes haben den Spagat zwischen kreativem Tun und gesundheitlicher Prävention nicht bewältigt bzw. sind ernsthaft gefährdet.

Das wiederum etliche, nach unserem Daseinsvorsorgeverständnis lebenswichtige Einrichtungen und Projekte den monatelangen erzwungenen Stillstand nicht nur überlebt, sondern ihr kreatives Potenzial bewahrt haben, ist auch der mutigen und unbürokratischen Unterstützung vieler Unterstützer zu danken. Voran die deutsche Sparkassenorganisation, größte nichtstaatliche Kulturförderin zwischen Rügen und Zugspitze.

Mit diesem Engagement wurden Alternativen zum „alles absagen“ ermöglicht. Wir zeigen das ausführlich an einem eindrucksvollen Beispiel aus Brandenburg und belegen es auch für Mecklenburg-Vorpommern. Beide Länder gehören zusammen mit Sachsen und Sachsen-Anhalt zum OSV-Verbandsgebiet, in dem auch die OSV-Stiftung tätig ist.

Musiksommer Rheinsberg – mit Corona ganz anders, aber nicht minder erfolgreich

So war es am 6. Juli 2020 bei „rbb24“ zu lesen: „Die Brandenburgischen Sommerkonzerte: abgesagt. Der Internationale Orgelsommer Potsdam: abgesagt – so wie viele andere Sommerfestivals in Brandenburg.“

Nicht so der Musiksommer Rheinsberg. Geplant gewesen seien in der Kammeroper „eigentlich zwei Opernaufführungen: „Fra Diavolo“ vom französischen Komponisten Daniel-Francois-Esprit Auber und Beethovens „Fidelio“ in der Urfassung. Doch Corona und die Abstandsregeln beim Singen hätten „einen Strich durch die Rechnung gemacht.“ Stattdessen startete Anfang Juli der traditionelle, inzwischen weltweit bekannte Opernsommer in Rheinsberg einmal ganz anders.

„Sein Ersatzfestival hatte Professor Georg Quander, Intendant der Musikkultur Rheinsberg gGmbH, innerhalb eines Monats quasi aus dem Boden gestampft. Das Programm vom 4. Juli bis 9. August bestand aus drei Säulen. Es gab Liederabende mit Nachwuchstalenten der Klassikszene, die eigentlich in den geplanten Opernaufführungen singen sollten. Dazu wurden Opernfilme gezeigt und im Schlosstheater war eine Ausstellung zur Geschichte des Rheinsberger Schlosstheaters zu sehen,“ war bei rbb24 weiter zu lesen.

Bei den zwölf Liederabenden präsentierten sich zehn der Preisträger des „Internationalen Wettbewerbs Junger Sänger“. Dieser wird alljährlich im Winter vor dem jeweils folgenden Rheinsberger Musiksommer ausgetragen. Alle Preisträger sind im „Normalfall“ Akteure der Operninszenierungen und die Stars der Operngala-Abende vor der malerischen Rheinsberger Kulisse, die inzwischen internationalen Kultstatus hat.

Der Sängerwettbewerb ist für die Sieger quasi das Eintrittstor nach Rheinsberg und inzwischen fast ein Garantieschein für eine internationale Karriere. Es gab ihn auch 2019/2020, und zwar mit den Austragungsorten Kopenhagen, Moskau und Berlin. Gekürt wurden 55 Preisträger aus der ganzen Welt bis hin zum fernen Australien.

Internationale Anreisen ins brandenburgische Rheinsberg waren wegen Corona bekanntlich nicht möglich. Deshalb wurden die Liederabende von den zehn preisgekrönten Sängerinnen und Sängern bestritten, die ihren Wohnsitz in Deutschland haben. Die Konzerte und Filmaufführungen waren als Open-Air-Veranstaltungen geplant. In dieser Variante hätten immerhin 200 Zuschauer im Innenhof des Schlosses Platz gefunden. Weil das Wetter nicht immer mitspielte, musste die Hälfte der zwölf Konzerte bzw. Liederabende ins Schlosstheater verlegt werden, dessen Kapazität von 320 Plätzen wegen der Abstandsregeln nur zu 25 Prozent genutzt werden konnte.

Die Konzerte, die zwölf Opernfilmabende und die Ausstellung hatten zusammen rund 3.000 Besucher, die das alternative Programm außerordentlich positiv aufgenommen haben.

Die Veranstalter, Intendant Georg Quander und Geschäftsführer Thomas Falk, dankten der Ostdeutschen Sparkassenstiftung und der Sparkasse Ostprignitz-Ruppin für ihre Unterstützung. „In unserer Urlaubsregion, für die die COVID-19-Pandemie eine besondere Herausforderung darstellt, konnten wir mit dem diesjährigen Musiksommer Bewohnern und Gästen eine Attraktion bieten und allen Beherbergungsbetrieben und Gastronomen ein positives Signal senden: Hier spielt die Musik!“

Für die Unterstützer sagte Friedrich-Wilhelm von Rauch, beratender Geschäftsführer der OSV-Stiftung: „Die Kammeroper Rheinsberg ist eine tragende Säule in der Musik- und Kulturlandschaft Brandenburgs. Für Stiftung und Sparkasse ist es ein großes Anliegen, dass die Kammeroper die Corona-Krise dauerhaft meistert. Wir sind beeindruckt von der Improvisationskraft und der Flexibilität der dahinterstehenden Musikkultur Rheinsberg gGmbH, so kurzfristig ein Alternativprogramm auf die Beine zu stellen.“

Markus Rück, Vorstand Sparkasse Ostprignitz-Ruppin, ergänzte: „Selbstverständlich haben wir nicht nur unsere Förderzusage für 2020 aufrechterhalten, sondern stehen auch zu unserem Wort, das auf 2021 verschobene „Ein Fest für Beethoven“ zu unterstützen. Für uns und die hier lebenden Menschen ist die Kammeroper ein fester Bestandteil unserer Region.“

Die Ostdeutsche Sparkassenstiftung und die Sparkasse Ostprignitz-Ruppin ermöglichten der Musikkultur gGmbH auch einen zusätzlichen Winter-Höhepunkt. Erstmals wird die Kammeroper Schloss Rheinsberg zur Weihnachtszeit eine eigene Musiktheaterproduktion mit Preisträgern des Internationalen Gesangswettbewerbs herausbringen: „Aufgeführt wird ein Weihnachtsklassiker – Hänsel und Gretel von Engelbert Humperdinck – in einer eigenen familienfreundlichen Rheinsberger Fassung: als Märchenoper für Jung und Alt“, erläutert Georg Quander, der die Regie führen wird. „Wir sind der Ostdeutschen Sparkassenstiftung und der Sparkasse Ostprignitz-Ruppin sehr dankbar, dass sie diese Produktion ermöglichen und hoffen, dass sie zu einem neuen Höhepunkt im Kulturkalender der Region wird.“

Eine Ausstellung zu historischer Theatertechnik im Schlosstheater Rheinsberg war Teil des Musiksommers Rheinsberg 2020, der maßgeblich von der Ostdeutschen Sparkassenstiftung und der Sparkasse Ostprignitz-Ruppin ermöglicht wurde. Eines der spektakulärsten Exponate war der Nachbau einer historischen Donnermaschine. Offenbar mit großem Vergnügen wurde sie vor dem Schlosstheater in Gang gesetzt: Prof. Georg Quander, Thomas Falk, künstlerischer Direktor bzw. Geschäftsführer Musikkultur Rheinsberg gGmbH, Markus Rück, Vorstand Sparkasse Ostprignitz-Ruppin, und Friedrich-Wilhelm von Rauch, Beratender Geschäftsführer Ostdeutsche Sparkassenstiftung (v.l.n.r.). Foto: Henry Mundt

Kreative Corona-Varianten auch in Mecklenburg-Vorpommern

Im 30. Jahr ihres Bestehens sahen sich auch die Festspiele Mecklenburg-Vorpommern aufgrund der Corona-Pandemie ganz neuen Aufgaben gegenüber. Nachdem das Festival im Mai alle Konzerte bis Ende August abgesagt hatte, reagierten die Festivalmacherinnen und -macher um den damaligen Intendanten Dr. Markus Fein mit einem Alternativplan: Neben dem #netzspielsommer, einem digitalen Wochenende mit Konzertbeiträgen, Künstlergesprächen und -porträts sowie einem eigenen Kinderprogramm, konnten im Juli und August kurzfristig 30 neue, unter Beachtung der geltenden Pandemie-Schutzvorgaben geplante, Veranstaltungen realisiert werden. Unter anderem reisten die vier Hornisten von german hornsound an fünf Tagen durchs ganze Bundesland und brachten in kostenfreien Platzkonzerten Musik so barrierearm wie möglich zu den Menschen. Darüber hinaus konnten die bereits seit langem für September angekündigten Konzerte – darunter Konzertreihen wie die „Inselmusik“ oder „Sleeping Beauties“ – den geltenden Bedingungen angepasst und durchgeführt werden.

Ursula Haselböck, die seit dem 1. September als Intendantin die Geschicke des Klassikfestivals leitet, resümierte: „Dieses Jubiläumsjahr für unser Festival war anders als geplant und stellte uns alle vor unerwartete Herausforderungen. Von Herzen danke ich den Menschen im Land, unserem Publikum und den zahlreichen Unterstützerinnen und Unterstützern für den großen Zuspruch. Ein großer Dank geht zudem an unsere Künstlerinnen und Künstler, die die situationsbedingt karg besetzten Säle endlich wieder mit Musik gefüllt haben.“

Die Hornisten von german hornsounds bei ihrem „Corona“-Konzert im Ostseebad Binz. Foto: Maite Birker

OSV: „Zusagen haben auch bei Corona-bedingten Verschiebungen Bestand“

Dr. Michael Ermrich, Geschäftsführender Präsident des Ostdeutschen Sparkassenverbandes und Vorsitzender des Vorstands der Sparkassenstiftung, erläuterte gegenüber UNTERNEHMERIN KOMMUNE, dass über 100 Förderzusagen der Ostdeutschen Sparkassenstiftung Projekte in Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen und Sachsen-Anhalt betrafen, die von der Corona-Krise betroffen sind bzw. deren Vorbereitung und Realisierung für 2020 und 2021 geplant gewesen seien. Die Stiftung habe daher schon im Frühjahr Kontakt zu ihren Förderpartnern aufgenommen und zugesichert, dass sie auch bei Nicht-Erreichung des Förderziels bereits angefallene Kosten im Rahmen der Förderzusage auf Nachweis in der Regel übernehmen werde. Dies betraf z.B. die Telemann-Festtage in Magdeburg oder das zum Teil abgesagte Kurt Weill Fest in Dessau.

„Bei Vorhaben, die von den Förderpartnern verschoben werden mussten, haben die Zusagen zur Unterstützung auch dafür Bestand. Das gilt u.a. für das Netzwerkprojekt „Kulturland Uecker-Randow verbindet“, die Fortbildungsinitiative „Belcantare Brandenburg – jedes Kind kann singen“ und die 4. Sächsische Landesausstellung „Boom. 500 Jahre Industriekultur in Sachsen“ in Zwickau. Damit haben wir den Bestand traditionsreicher und beliebter Veranstaltungsreihen gesichert. Diese Kontinuität wäre ohne dieses Engagement in höchstem Maße gefährdet gewesen. Die Ostdeutsche Sparkassenstiftung hält – soweit irgend möglich – an allen Förderprojekten fest. Wir wollen unseren Beitrag dafür leisten, damit sowohl regional wie landesweit prägende Kulturinitiativen in Stadt und Land die Krise meistern können. Dabei setzen wir auf Abstimmung und Kooperation unter allen Mitförderern, seien es Bund, Länder, Kommunen oder andere Stiftungen.“

Fazit

Nicht die Theater, nicht die Kinos, nicht die Konzertsäle sind seit der Lockerung der Maßnahmen zur Corona-Abwehr die deutschen Hotspots der Pandemie. Das wäre bei fundierter Analyse und kluger Folgerung auch schon im April 2020 erwartbar gewesen. Wir lassen die politische Schelte und loben dafür die Sparkassen. Sie haben die Akteure unserer Beispiele – und dazu viele hier Ungenannte – zu kreativen Alternativen für erprobte und höchst erfolgreiche Formate nicht nur ermuntert, sondern auch für die finanzielle Basis gesorgt. Und – wie herrlich undeutsch – sie haben sich dabei zuvorderst an den Geist, und erst dann an die Buchstaben der Förderbescheide gehalten. Also zum Beispiel Kosten für Vorleistungen erstattet, die zwangsweise nicht schon im Jahr 2020 in eine Premiere mündeten. Oder weise entschieden, dass sich der große Beethoven auch über eine Matinee freut, die nicht im Jahr seines 250. Geburtstages, sondern erst 2021 stattfindet…

Die Finanzdienstleistungen der deutschen Sparkassen sind Daseinsvorsorge. Für ihr gesellschaftliches Engagement für Kultur, Kunst und Sport trifft dies ebenso zu. Denn der Mensch „lebt nicht vom Brot allein!“

Dr. Michael Ermrich, Foto: OSV

Hintergrund:

Bewahren, Stärken, Begeistern.Unter diesem Motto fördert die Ostdeutsche Sparkassenstiftung seit 1996 Kunst, Kultur und Denkmalpflege. Die Stiftung ist ein Gemeinschaftswerk aller Mitgliedssparkassen des Ostdeutschen Sparkassenverbandes (OSV) in Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen und Sachsen-Anhalt.

Rund 2.200 Projekte wurden zusammen mit den heute 45 OSV-Sparkassen gefördert, begleitet und realisiert. Dafür standen 95 Millionen Euro aus den Vermögenserträgen, dem überörtlichen Zweckertrag des PS-Lotterie-Sparens sowie den projektbezogenen Zusatzspenden der Sparkassen und ihrer Verbundunternehmen zur Verfügung. Davon wurde allein im Land Brandenburg für 559 Projekte eine Gesamtsumme von rund 21 Millionen Euro bereitgestellt.

Die Sparkassenorganisation ist der größte nicht-staatliche Kulturförderer in Deutschland.

Infos:
www.festspiele-mv.de
www.musikkultur-rheinsberg.de

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