Das Ende der Illusionen. Politik, Ökonomie und Kultur in der Spätmoderne

Das hoch gelobte Buch von Andreas Reckwitz, er ist Professor für Soziologie an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder), ist dem Rezensenten zu komplex, um es mit den 5.000 Zeichen, die seine Texte im Regelfall umfassen, hinreichend würdigen zu können. Das liegt schon daran, dass Reckwitz für die bekannt anspruchsvolle Edition Suhrkamp keinen ins sich geschlossenen Text liefert sondern fünf recht autarke Essays. Diese haben folgende Überschriften:

  • Kulturkonflikte als Kampf um die Kultur: Hyperkultur und Kulturessenzialismus
  • Von der nivellierten Mittelstandsgesellschaft zur Dreiklassengesellschaft: Neue Mittelklasse, alte Mittelklasse, prekäre Klasse
  • Jenseits der Industriegesellschaft: Polarisierter Postindustrialismus und kognitiv-kultureller Kapitalismus
  • Erschöpfte Selbstverwirklichung: Das spätmoderne Individuum und die Paradoxien seiner Emotionskultur
  • Die Krise des Liberalismus und die Suche nach dem neuen politischen Paradigma: Vom apertistischen zum einbettenden Liberalismus.

Ich habe die Titel in der Reihenfolge des Buches notiert. Für mich ist es verwunderlich, dass Reckwitz den Text über die Metamorphosen der kapitalistischen Produktionsweise erst an Nummer 3 platziert hat. Zumal der Autor schon im ersten Absatz die Begründung dafür gibt, dass diese Abhandlung an den Anfang gehört. Er schreibt: „Man muss kein simples Basis-Überbau-Modell vertreten, um zu erkennen, dass ohne ein gründliches Verständnis der Transformation der Waren-, Arbeits- und Konsumformen und des Kapitalismus insgesamt die Umwälzung der westlichen Gesellschaften nicht zu begreifen ist.“ Das gilt dann folgerichtig auch für die Texte, die Reckwitz vor und nach diesem für mich grundlegenden Transformationskapitel gestellt hat. Die Begründung liefert er selbst auf Seite 142 des besagten Essays: „Dass der Kapitalismus in der Spätmoderne immaterieller, dass er kognitiver und kultureller geworden ist, heißt also keinesfalls, dass er weicher geworden wäre. Im Gegenteil: Er ist härter, kompetitiver und expansiver als sein Vorgänger und mündet in stärkerem Maße in Konstellationen von Marktgewinnern und Marktverlierern. Er treibt am Ende eine tiefgreifende Ökonomisierung des Sozialen voran, welche mehr und mehr die spätmoderne Lebenswelt prägt, selbst in nichtkommerziellen Bereichen.“ Das ist für mich der Schlüsselsatz des gesamten Buches! Und er hat mich erinnert an eine These des katholischen Sozialethikers Matthias Möhring Hesse, die er vor mehr als zehn Jahren in einem Text für UNTERNEHMERIN KOMMUNE verfasst hatte: Dort sprach er von der „kompletten Verbetriebswirtschaftlichung aller irdischen Güter“. Das ist für mich ein Synonym zur Reckwitzformulierung von der „tiefgreifenden Ökonomisierung des Sozialen“.

Die Tatsache, dass nunmehr alle relevanten Bereiche unserer irdischen Existenz in erster Linie von der Ware-Geld-Beziehung geprägt werden und ausschließlich dem Erfordernis der Profitmaximierung folgen, stellt das tradierte Verständnis von moderner Gesellschaft gravierend in Frage. Die Folge sind jene gewaltigen Irritationen, ja Eruptionen, die unser abendländisches Weltverständnis umfassend konterkarieren. Dafür liefert Reckwitz viele Belege.

Der Lese-Weg zu diesen Erkenntnissen ist leider ausgesprochen anstrengend. Ich bezweifele, dass viele, die ihn – animiert durch das Lob der Feuilletons – beginnen, auch beenden.

Hochachtung für den Anspruch des Soziologen nach semantischer Präzision, die sich auch in Gestalt neuer Begrifflichkeiten, die Reckwitz geprägt hat, manifestiert.

Wenn der kluge Soziologe auch an breiter gesellschaftlicher Wirkung seiner Texte interessiert ist –

was die Essays verdienen – dann sollte er eine populärwissenschaftlich Variante zu Papier bringen. Ausdrücklich auch für mich. Denn ich habe nach zwei Dritteln erst einmal aufgegeben. Auch deshalb versteht sich mein Text als Lesetipp, nicht als Rezension.

Michael Schäfer

 

Andreas Reckwitz: Das Ende der Illusionen. Politik, Ökonomie und Kultur in der Spätmoderne
Edition Suhrkamp, Suhrkamp Verlag Berlin
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-518-12735-3
www.suhrkamp.de

Bewertung

Das Fazit jeder Rezension sollte eine Leseempfehlung sein. Sie können unter jeder Buchbesprechung mit einem Blick feststellen, ob sich der Weg zur nächsten Buchhandlung oder der Klick bei amazon.de lohnt. Und was die Symbolik – vom Fünf-Sterne-Gütesiegel bis zur Blauen Tonne – bedeutet, verrät Ihnen die folgende Legende:

Labsal für Grips und Seele.

Man wird deutlich schlauer.

Ganz nützlich, aber es reicht, auf‘s Taschenbuch zu warten.

Unschädlich, und hier und da erbaulich.

Bevor man Anne Will schaut...

Segensreich – aber nur für die Recyclingwirtschaft!

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