Aufbau Literatur Kalender 2021

Aufbau Literatur Kalender 2021

„Wenn ich die Welt nicht mehr ertrage, igle ich mich mit einem Buch ein, und dann bringt es mich von allem fort wie ein kleines Raumschiff“. Diese Worte von Susan Sonntag – die weltberühmte amerikanische Schriftstellerin, bekannt vor allem durch ihre kunst- und kulturkritischen Essays und Bücher wie „In Amerika“ oder „Todesstation“ lebte von 1933 bis 2004 – stehen zusammen mit ihrem Foto auf dem Cover des Aufbau Literatur Kalender für das Jahr 2021. Ist es wirklich bloßer Zufall, dass ich diesen Satz ausgerechnet an dem Tag lese, an dem zum zweiten Mal seit Ausbruch der Corona-Pandemie in Deutschland das weitgehende Herunterfahren des öffentlichen Lebens gestartet wird? Natürlich glaube ich eher nicht an schicksalhafte Fügungen, aber bemerkenswert ist dieses Zusammentreffen schon. In meinem altmodischen, weil analogen Schreibtischkalender habe ich am Wochenende etliche Termine streichen müssen. Das traditionelle Martinsgansessen mit guten Freunden am 15. November fällt aus. Dieses Schicksal erleidet eine Woche später auch der Abend in der Komischen Oper. Ausgerechnet das Programm von Katherine Mehrling mit Liedern von Kurt Weill – am Flügel begleitet vom Intendanten Barry Kosky höchstpersönlich – fällt ins Wasser. Und wie hatten meine Frau und ich uns gefreut, diese wunderbare Sängerin – zusammen mit Dagmar Manzel einer der beiden wirklichen Stars des Hauses – endlich wieder live auf der Bühne zu erleben.

Wer Kultur braucht wie die Luft zum Atmen, dem bleibt das Buch. Nicht als Ersatz. Es gewinnt vielmehr in dieser Zeit ohne Schauspiel, Theater und Museen sogar noch an Wert, wird vom Einem zum Allem. Das Drama auf der Bühne muss nun im Kopf stattfinden.

Mehr Zeit zum Lesen. Natürlich ist das auch ein Gewinn. Jedenfalls temporär. Und verbunden mit der Chance, Neues zu entdecken. Beim Suchen und Finden bin ich dankbar für Impulse. Dass anlässlich seines 100. Geburtstages am 16. August 2020 das deutsche Feuilleton an ihn erinnerte, war Anlass für meine späte Lese-Entdeckung von Charles Bukowski. Seinen Roman „Der Mann mit der Ledertasche“ habe ich mit Vergnügen und Gewinn regelrecht verschlungen. Dem Text verdanke ich zudem die Innenansicht der staatlichen Post in den USA. Nicht einmal ansatzweise hätte ich dort den Hort von Bürokratie und stupidem, menschenverachtendem Beamtentum vermutet. Natürlich ist mir dabei auch wieder Franz Kafka in den Sinn gekommen.

Am 4. Oktober 2020 starb Günter de Bruyn. Das hat mich sehr berührt, war aber auch Anlass in unseren riesigen Buchbeständen nachzuschauen, ob ich bei der Lektüre seiner wunderbaren Bücher etwa Defizite habe. Natürlich habe ich „Buridans Esel“ gelesen und auch die kongeniale Verfilmung aus dem Jahr 1980 im Kino gesehen. Mit Künstlern, die zum Besten gehörten, was die DEFA zu bieten hatte. Regie: Herrmann Zschoche, Musik: Günther Fischer, Darsteller unter anderem Dieter Mann, Jutta Wachowiak, Ute Lubosch und Gerry Wolff. Aber das Buch muss beim letzten Umzug verlorengegangen sein. Also „durfte“ das Genie beim antiquarischen Beschaffen längst vergriffener Titel, mein Freund Gunter H., wieder für mich tätig werden. Der „Esel“ steht wieder bei DDR-Literatur unter B. und dorthin gelangte ebenfalls mit Gunters Hilfe die zweibändige Autobiografie, dessen zweiten Teil – „Vierzig Jahre“ – ich gerade mit Begeisterung lese.

Geburts- und Sterbetage – das sind auch für den Aufbau Literatur Kalender wesentliche Orientierungspunkte. Der vor mir liegende Jahrgang 54 hat sich seine jugendliche Frische bewahrt. Dieser Kalender wird nicht alt, er ist Ausgabe für Ausgabe immer wieder neu.

Das „suchet, und ihr werdet finden“ von Jesus Christus ist wie für diesen Almanach geprägt. Denn ich finde dort zum einen Vertrautes, mir lieb Gewordenes. Schon auf der ersten Innenseite, für die Woche vom 28. Dezember bis zum 3. Januar (wer den Kalender nicht kennt, je Woche gibt’s ein Blatt mit je einem Autor), grüßt mich Friedrich Dürrenmatt. „Die Physiker“ oder den legendären „Besuch der alten Dame“ sah ich auf der Bühne meines geliebten Deutschen Theaters lange bevor ich seine Krimis entdeckte. Aber zurück zum Theater. Schön, dass mir in der heute beginnenden spielfreien Zeit die Jahrhundertschauspielerin Inge Keller als Darstellerin der Milliardärin Claire Zachanassian, die an ihrem früheren Geliebten Alfred III, verkörpert vom großen Kurt Böwe, ebenso späte wie berechtigte Rache nimmt, zumindest vor’s geistige Auge kommt. Als ich den „Besuch der alten Dame“ zum ersten Mal sah (deutlich eher als die Inszenierung am „DT“, auf die ich gerade Bezug genommen habe), hätte ich eigentlich schon erkennen müssen, dass dessen Dichter auch spannende Kriminalprosa schreiben kann.

Von ihm las ich auf besagtem Blatt aber auch eine unfassbar pointierte und vor allem zutreffende Weltanalyse: „Was mich von Brecht trennt: Er glaubt an eine Welt, die veränderbar ist, nach dem Motto: richtige Wissenschaft – richtige Politik – richtige Menschen. Nun ist weder der Mensch „richtig“, noch die Wissenschaft, noch die Politik. Die Welt verändert sich durch den Menschen, aber der Mensch verändert sich nicht und fällt der durch ihn veränderten Welt zum Opfer.“ Das sagte Dürrenmatt in einem Interview im Jahr 1985.

Erinnern Sie sich an den Entrüstungssturm im Internet, als Jonathan Franzen in seinem Essay „Werden wir untergehen?“ (2020 in deutscher Übersetzung erschienen bei Rowohlt) diese Frage mit Blick auf die drohende Klimakatastrophe bejahte, und zwar mit der im Prinzip gleichen Begründung wie Friedrich Dürrenmatt?!

Auf diesem ersten Wochenblatt lese ich auch, welche Autoren an meinem Geburtstag geboren wurden bzw. gestorben sind: Cicero, Konrad Duden, J. R. R. Tolkien, Alexander Bek, Jaroslaw Haŝek, Jiri Wolker, Maxie Wander, Robert Neumann, Rose Ausländer, Eva Strittmatter. Sind das wirklich alle? Und was haben Wolker und Ausländer, von denen ich noch nie etwas hörte, geschweige denn las, eigentlich geschrieben?

Neben Vertrautem also auch viel Neues, und dies schon auf einem einzigen Blatt. Rümpft einer wegen meiner vorgeblichen Ignoranz die Nase, wenn ich jetzt gestehe, dass ich auch von Yoko Tawada, die auf der Folgeseite mit Foto und einem wie immer einfühlsamen, neugierig machenden Text vorgestellt wird, noch nie etwas gehört habe?

Nicht, dass ich damit nicht umgehen kann. Ich bin auch deshalb der größte Fan des Aufbau Literatur Kalender, weil ich dort vor allem Neues finde. Das freut meine Buchhändlerin, Johanna Binger, mit Ihrer Gutenberg-Schatzkiste in der Berliner Welserstraße, fünf Minuten von meiner Wohnung entfernt. Beileibe nicht nur wegen des Beitrags zum Umsatz. Sondern in erster Linie deshalb, weil meine Lust auf literarische Entdeckungen ungebremst ist. Sie interpretiert es als geistige Frische. Das höre ich natürlich gern. Möge sie auch Recht haben.

Weniger erfreut ist meine Frau. Für neue Bücherregale fehlt der Platz, das Aufmachen zweiter Reihen ist verpönt. Der Stapel in der Abteilung „noch ungelesen“ wächst. Eigentlich gilt das von ihr an meine Adresse gerichtete Kaufverbot. Aber meine Geli steht genauso gespannt wie ich vor jedem neuen Wochenblatt des Aufbau Literatur Kalenders. Und klammheimlich landet immer wieder mal ein Zettel mit ihrer Handschrift auf meinem Schreibtisch: Autor und Titel: „bitte kaufen!“

Ohne Lotsen wie der hier zum x-ten Mal vorgestellte Ratgeber aus dem Aufbau Verlag, würden Menschen wie ich verblöden oder zumindest ratlos und frustriert mit langen Stangen im Nebel stochern. Ein derart tragisches Schicksal will ich auch Ihnen ersparen. Als Leser dieser Kolumne repräsentieren Sie ein aufnahmebereites und für Impulse dankbares Publikum. Auf A folgt aber B. Da Sie mindestens bis Ende November nicht ins Theater, ins Kino oder ins Museum gehen, können Sie sich jetzt schnurstracks in eine andere Richtung in Marsch setzen. Zu Ihrer kleinen, inhabergeführten Buchhandlung. Dort gibt’s den Aufbau Literatur Kalender. Dieser Gang ist für Körper und Geist deutlich gesünder als der Mausklick zu Amazon. Und er hat wegen der vielen Hinweise auf unbekannte, neu zu entdeckende Bücher, großes Potential für eine Verstetigung.

Rezensent: Michael Schäfer

Thomas Böhm und Catrin Polojachtof (Hrsg.): Aufbau Literatur Kalender 2021
Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin
2020
ISBN: 978-3-351-03818-2
www.aufbau-verlag.de

Das Fazit jeder Rezension sollte eine Leseempfehlung sein. Sie können unter jeder Buchbesprechung mit einem Blick feststellen, ob sich der Weg zur nächsten Buchhandlung oder der Klick bei amazon.de lohnt. Und was die Symbolik – vom Fünf-Sterne-Gütesiegel bis zur Blauen Tonne – bedeutet, verrät Ihnen die folgende Legende:

Labsal für Grips und Seele.

Man wird deutlich schlauer.

Ganz nützlich, aber es reicht, auf‘s Taschenbuch zu warten.

Unschädlich, und hier und da erbaulich.

Bevor man Anne Will schaut...

Segensreich – aber nur für die Recyclingwirtschaft!

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