„Wir können Flüchtlingen noch ordentliche Wohnungen bieten“

„Wir können Flüchtlingen noch ordentliche Wohnungen bieten“

Weit über dem Durchschnitt liegende Flüchtlingskonzentration

Gespräch mit dem Oberbürgermeister der Stadt Neubrandenburg, Silvio Witt, und dem Geschäftsführer der NEUWOGES Neubrandenburger Wohnungsgesellschaft mbH, Frank Benischke

Die Aktivitäten des „Verbundnetz für kommunale Energie“ (VfkE) stehen 2016 unter dem Thema „Flüchtlingsintegration –  Eine kommunale Mammutaufgabe. Lösungsansätze, Hindernisse, Ressourcenbedarf, spezifische Beiträge der Kommunalwirtschaft“. Neben der traditionellen Jahresveranstaltung am 30. November in Bitterfeld-Wolfen – darüber berichten wir in dieser Ausgabe ausführlich – nähern wir uns dieser Materie auch mit zwei Gesprächsrunden unter gemeinsamer Federführung von VfkE und UNTERNEHMERIN KOMMUNE. Der erste Meinungsaustausch fand am 6. September in Weimar statt. Darüber haben wir im Septemberheft ausführlich berichtet. Der zweite Vor-Ort-Termin führte uns am 22. November nach Neubrandenburg, wo wir den Oberbürgermeister der Stadt, Silvio Witt – er ist auch Mitglied der VfkE-Koordinierungsgruppe – und den Geschäftsführer der Neubrandenburger Wohnungsgesellschaft, Frank Benischke, trafen. Dass Kommunen und deren Unternehmen bei der Betreuung, vor allem aber auch bei der Integration der Flüchtlinge Außergewöhnliches leisten, wird wohl von Niemandem mehr bestritten. Ebenso, dass die Umsetzung des „wir schaffen das“ in den Städten und Gemeinden unseres Landes stattfindet. Uns interessierte in Weimar und in Neubrandenburg vor allem das „wie“. Zudem  wollten wir uns darüber austauschen, ob jene Rahmenbedingungen zur Integration, für die der Bund und die einzelnen Länder verantwortlich sind, den Erfordernissen vor Ort genügen bzw. was hier noch nachjustiert werden muss.

UNTERNEHMERIN KOMMUNE:
Damit unsere Leser wissen, wovon wir konkret reden, bitten wir am Anfang um einige Fakten zum Status quo in Neubrandenburg: wieviele Flüchtlinge leben in der Stadt, woher kommen sie, wie ist der Stand bei der Bearbeitung der Asylanträge und wie sind die sicher sehr differenzierten Voraussetzungen zur Integration zu beschreiben?

Witt:
Ich kann mich sehr gut daran erinnern, dass wir am 7. September 2015 in Berlin bei einer  Gesprächsrunde – UNTERNEHMERIN KOMMUNE lud dazu nach Berlin ein – über das 25jährige Jubiläum der Deutschen Einheit aus kommunaler Perspektive diskutierten. Einer der Disputanten war  Dr. Lothar de Maiziere, letzter und erster frei gewählter Ministerpräsident der DDR. Er würdigte als eines der wichtigsten Ergebnisse dieses politischen Umschwunges die Tatsache, dass mit der friedlichen Revolution die DDR-Kommunen ihre Selbstverwaltungsexistenz zurückgewannen.

Die Bewertung von Dr. de Maiziere habe ich für unseren kommunalen Alltag übersetzt, insbesondere für die aktuelle Flüchtlingswelle. Ich habe mir den Text bei der Vorbereitung auf das heutige Interview erneut herausgesucht. Damals stellte ich fest, dass die Kommunen, und das gelte eben auch für Neubrandenburg, diese im Jahr 1990 neu gewonnene Gestaltungskraft bei der Lösung des Flüchtlingsproblemes deutlich unter Beweis stellen konnten. Wörtlich sagte ich am 7. September: “Im Rathaus haben wir die Halbtagsstelle eines Integrationsbeauftragten geschaffen und wir haben das Ehrenamt finanziell gestärkt. Es gibt ein Arbeitsgremium zur Flüchtlingsintegration, das wöchentlich tagt und somit auch Außenstehenden einen Einblick in die Anforderungen ermöglicht. In Neubrandenburg ist die größte Gemeinschaftsunterkunft aller fünf neuen Bundesländer entstanden. Aktuell leben mehr als 1.000 Flüchtlinge in der Stadt. In den vergangenen Jahren hat sich die Stadt um einen wirtschaftlich vertretbaren Leerstand gekümmert. Nun müssen Wohnungen, die eigentlich für den Abriss vorgesehen waren, wieder ertüchtigt werden”.

Lothar de Maiziere warf an dieser Stelle ein, dass bei aller gut und richtig gemeinten Hilfsbereitschaft die Toleranzgrenze der Bürger beachtet werden müsse. Dies gelte sowohl für die Kommunikation als auch für die tatsächliche Zahl der unterzubringenden Flüchtlinge. Ich stimmte dem ausdrücklich zu und sagte, dass “ein transparenter Umgang mit Anforderungen und Kosten ein wichtiger Schlüssel beim Werben um Akzeptanz ist, und wies darauf hin, dass die Ausländerquote in Neubrandenburg mit 2,5 Prozent noch immer verhältnismäßig gering sei.

Das war der Stand am 7. September 2015. Als ich nach der Gesprächsrunde ins Auto stieg, erreichte mich  ein Anruf unseres Innenministers Lorenz Caffier. Er teilte mir mit, dass am nächsten  Abend weitere 250 Flüchtlinge in Neubrandenburg eintreffen werden. Mit nur zwei Zahlen will ich die Dynamik veranschaulichen: Ende 2015 lebten 1.800 Flüchtlinge und Migranten in Neubrandenburg, Stand heute sind es 3.200. Wir sind froh, dass wir diese Menschen alle kennen, sie erfasst sind.ür 2.500 sind die Verfahren abgeschlossen. Demnach  wissen wir, dass diese Menschen über einen längeren Zeitraum bei uns bleiben. In der Folge können wir planen, welche personellen  und finanziellen Ressourcen bereitgestellt werden müssen. Ziel ist, alle angemessen betreuen zu können.

Wohnungen allein reichen nicht

UNTERNEHMERIN KOMMUNE:
Würden Sie bitte diese Neubrandenburger Bestandsaufnahme in den Maßstab des Landes Mecklenburg-Vorpommern einordnen, etwa in Relation zur Gesamtzahl der Flüchtlinge in ihrem Bundesland und zu deren Allokation in der Fläche, in den Mittel- und Oberzentren?

Witt:
Im Land Mecklenburg-Vorpommern leben rund zwei Prozent der Flüchtlinge, die Deutschland aufgenommen hat. Diese Zahl entspricht dem definierten Verteilerschlüssel. Viel interessanter ist die Allokation im Bundesland selbst. In unserem Landkreis Mecklenburgische Seenplatte (MSE) ist Neubrandenburg die Kreisstadt  und das einzige Oberzentrum. 24 Prozent aller Flüchtlinge in Mecklenburg-Vorpommern leben im Landkreis MSE. Davon wiederum hat rund die Hälfte ihren Lebensmittelpunkt in Neubrandenburg.

Es gibt also eine Konzentration von Flüchtlingen in unserem Landkreis, denn Mecklenburg-Vorpommern hat insgesamt sechs Kreise und zwei kreisfreie Städte. Wenn ich den Durchschnitt bilde, dann müsste auf jede dieser acht Gebietskörperschaften – die Aufgabenträger für die Flüchtlinge sind –  12,5 Prozent entfallen. Ich will auf die Tatsache, dass in unserem Kreis aber doppelt so viele leben, nämlich ein Viertel aller Flüchtlinge des Landes hier nicht näher eingehen. Eines aber ist mir wichtig: Zu Beginn der großen Flüchtlingsbewegungen nach Deutschland im vergangenen Jahr gab es die durchaus plausible Überlegung, Flüchtlinge dorthin zu bringen, wo die besten Bedingungen für deren Unterbringung bestehen. Das sind in Ostdeutschland die strukturschwachen Regionen, mit besonders großen Abwanderungsbewegungen der dortigen Bewohner und in der Folge mit erheblichen Leerständen von Wohnungen. Für Mecklenburg-Vorpommern trifft diese Einschätzung für viele Kommunen zu. Aber das Leben hat gezeigt, dass die gerade formulierte theoretische Annahme erstens lebensfremd ist, und zweitens den Anforderungen für eine erfolgreiche Integration nicht ausreichend genügt. Dezentrale Unterbringung in Wohnungen hat in diesem Kanon einen hohen Stellenwert, aber mindestens ebenso wichtig sind Arbeits- und Ausbildungsmöglichkeiten, Schulen und Kitas sowie eine angemessene soziale Betreuung. Das ist in dieser Komplexität und Vollständigkeit nur in den Städten verfügbar. Deshalb halte ich es für richtig, dass unser Land in Abstimmung mit der kommunalen Ebene genau dort den Schwerpunkt der Flüchtlingsunterbringung setzt.

Benischke:
Ich will auf die Zahlen zurückkommen, die der Oberbürgermeister für Neubrandenburg genannt hat. Bei 2 500 der insgesamt 3 200 hier lebenden Flüchtlinge sind die Verfahren abgeschlossen. Wir merken, dass das Bearbeitungstempo erfreulicherweise zunimmt, daran, dass pro Woche zwischen 15 und 20 neue Wohnungsanträge von Flüchtlingen bei uns gestellt werden. Hier kommen wir übrigens langsam auch an Grenzen. Wir haben derzeit einen Leerstand von nur noch 2,5 Prozent. Das gilt in der Wohnungswirtschaft als Vollvermietung.

Die Nachfrage ist gleichwohl ungebrochen, und sie betrifft nicht nur die Flüchtlinge. Wenn deren Verfahren positiv beschieden wurden, werden aus Asylbewerbern Anspruchsberechtigte nach Sozialgesetzbuch II (SGB II). Für diese Gruppe gilt: die Kosten der Unterkunft werden übernommen, sind also nicht aus den Geldzuwendungen zu finanzieren. Diese Weichenstellung hat zu einer verstärkten Nachfrage nach Mietwohnungen in den Städten geführt, die vor allem bei den kommunalen Wohnungsgesellschaften landen, die über größere Bestände vor allem auch an bezahlbaren Quartieren verfügen. Die Interessenten sind also nicht nur Flüchtlinge, es sind auch viele Deutsche, die aus den Dörfern der Umgebung nach Neubrandenburg ziehen, weil dies für sie die ökonomisch bessere Variante ist.

In Berlin war die Couch schon belegt

UNTERNEHMERIN KOMMUNE:
In vielen Regionen Deutschlands hat es sich inzwischen herumgesprochen, dass die auf dem Papier sehr gute Idee, Flüchtlinge dort unterzubringen und zu betreuen, wo vor allem ausreichender Wohnraum vorhanden ist, in der Praxis nicht funktioniert. Konzentrationspunkte sind überall in Deutschland die Ballungszentren, Metropolen wie Berlin, Hamburg oder Köln, mit Wohnungsmangel und bereits bestehenden Trends zur Ghettoisierung wie etwa im vielzitierten Bezirk Neukölln in der Bundeshauptstadt. Wie manifestiert sich dieser Trend in Mecklenburg-Vorpommern?

Benischke:
Natürlich orientieren sich die Flüchtlinge dorthin, wo bereits Landsleute leben und mit Wohnraum versorgt sind. Diesen Trend haben wir gerade in den Gemeinschaftsunterkünften auch in Neubrandenburg erlebt. Aber es gab viele Rückkehrer. Diese Menschen haben in Hamburg oder Berlin – das waren die wichtigsten Zielpunkte – erlebt, dass andere schon eher auf diesen Gedanken gekommen sind. Die noch freie Couch im Wohnzimmer war bereits belegt, und auch das im Keller aufgestellte Notbett. Da war die Perspektive, in einer Stadt wie Neubrandenburg, die in Aleppo nicht in aller Munde ist wie die deutschen Metropolen, eine ordentliche Wohnung zu bekommen, die deutlich bessere.

Diese Möglichkeit konnten wir hier bieten. Die von mir geleitete Neubrandenburger Wohnungsgesellschaft verfügt über 30 Prozent des Gesamtbestandes an Mietwohnungen in unserer Stadt. Diese Bestände sind gut in der Stadt verteilt. Das heißt, wir können die Flüchtlinge in vielen Stadtteilen unterbringen und vermeiden Ghettobildung oder gar Parallelgesellschaften. Ein wichtiges Kriterium sind Infrastrukturen für die schulische und vorschulische Betreuung. Wo das ausreichend vorhanden ist, vergeben wir natürlich Wohnungen bevorzugt an kinderreiche Flüchtlingsfamilien. Über eine weitere Prämisse wird aus rational nicht nachvollziehbaren Gründen öffentlich nur ungern gesprochen: wir wissen, dass bestimmte Nationalitäten oder auch Religionszugehörigkeiten besser separiert werden sollen. Etwa Iraker und Iraner, Russen und Tschetschenen, Christen und Muslime aus gleichen Konfliktregionen. Diesen Aspekt beachten wir so gut wie möglich. Je „ausgebuchter“ unsere Bestände sind, umso schwieriger wird das. Als der Flüchtlingsstrom begann, lag der Leerstand bei über 4 Prozent. Jetzt, diese Zahl wurde schon genannt, liegt er bei 2,5. Tendenz weiter abnehmend.

Witt:
Dass es bei uns noch Wohnungen gibt, im Gegensatz zu den Ballungszentren und Metropolen, ist ein ganz wichtiger Aspekt. Aber ebenso bedeutend sind die Ressourcen für die soziale Betreuung. Das scheint nach meinen Kenntnissen in Städten mit weniger als 100.000 Einwohnern besser zu funktionieren als in den Großstädten. Zu merken ist das schon beim Übergang von Gemeinschaftsunterkünften hin zu  eigenen Wohnungen. Dieser  Wechsel bringt es mit sich, dass Menschen sich eigenverantwortlich selbst voll versorgen müssen. Dieser Schritt ist viel größer als das gemeinhin vermutet wird. Und er wird unweigerlich zum Fehltritt, wenn er nicht begleitet wird. Diese Begleitung organisiert aber eben nicht irgendein Vermieter. Dies setzen die kommunalen Wohnungsunternehmen ins Werk. In Neubrandenburg und überall in Deutschland. Bei uns sehen Sie das schon optisch. Informationstafeln vor der „NEUWOGES“ – so die gängige Neubrandenburger Kurzbezeichnung des Unternehmens – gab es vor 2015 verständlicherweise nur in Deutsch. Heute kann man die Texte auch auf arabisch, russisch und englisch lesen.

Benischke:
Wir organisieren die Betreuung zusammen mit freien Trägern und eigenen Kräften. Wir haben einen schon lange in Neubrandenburg lebenden Tunesier als Dolmetscher eingestellt, wir haben einen sozialen Dienst, und es gibt regelmäßige interkulturelle Schulungen unserer Mitarbeiter. Alles in allem müssen wir dafür rund 100 000 Euro zusätzlich pro Jahr aufwenden.

„Aktuell werden die Kosten gedeckt, Sorgen macht mir die Langzeitperspektive“

UNTERNEHMERIN KOMMUNE:
Dass Integration nur gelingen kann, wenn so wichtige Ressourcen wie Wohnungen oder Kapazitäten zur Kinderbetreuung ausreichend verfügbar sind, ist eine Binsenweisheit. Ebenso die Tatsache, dass die Flüchtlinge in kommunalen Strukturen und Kiezen leben sollten, die unsere Kultur abbilden. Ein Vorschlag um dies zu gewährleistet lautet, dass man das Bleiberecht und die damit verbundene Gewährung von Leistungen mit einer Residenzpflicht verbinden sollte. Was halten Sie von diesem Ansatz?

Witt:
Das Ressourcenthema muss man für zwei Ebenen sehen. Aktuell werden unsere Kosten durch die verschiedenen Zuflüsse weitestgehend gedeckt – zumindest stellt das Land dies so in Aussicht. Sorgen macht mir die Langzeitperspektive. Wir wissen ja inzwischen, dass viele Flüchtlinge eben nicht über die Qualifikationen verfügen, die anfangs, also in der euphorischen Phase des „wir schaffen das“, angenommen wurden. Bei Menschen, die selbst in der eigenen Sprache nicht lesen und schreiben können, dauert die Qualifizierung und Integration für den ersten Arbeitsmarkt länger. Bei diesen zeitlichen Dimensionen macht die Residenzpflicht selbstverständlich Sinn, denn wir können auf Ressourcen für eine erfolgreiche Integration ja nicht einfach nur zugreifen, sondern müssen sie in Teilen erst mobilisieren. Dafür brauchen wir Planungssicherheit. Und wir benötigen auch mehr Finanzmittel. Das sehen wir schon sehr deutlich bei unserem Landkreis, der Mitarbeiter speziell für Integrationsaufgaben eingestellt hat.

Benischke:
Der „Königsteiner Schlüssel“ wurde nicht für das Flüchtlingsproblem erdacht, denn er kann schon objektiv nicht die sehr unterschiedlichen Möglichkeiten zur Integration in den Kommunen abbilden. Aber er ist gültig, und schon das spricht für eine Residenzpflicht, allerdings eine, die im Gegensatz zur aktuellen Praxis auch durchgesetzt wird. Wir werden auch weiterhin alles tun, um die Flüchtlinge in unseren Wohnquartieren unterzubringen. Dazu konnten wir schon jetzt nicht nur auf den Bestand zugreifen. Vielmehr mussten und konnten wir in Wohnungen, die wir schon für den Abriss vorgesehen hatten und demzufolge auch nicht mehr saniert haben, investieren. Das Volumen beläuft sich derzeit auf rund 900 000 Euro, knapp 50 % davon bezuschusst das Land Mecklenburg-Vorpommern. Wenn wir darauf verweisen, dass wir im Kontext mit der Unterbringung der Flüchtlinge den Leerstand bei unseren städtischen Wohnungen von 4 auf 2,5 Prozent reduziert haben, dann muss man also auch die reaktivierten Bestände einrechnen, die wir wieder dem Markt zugeführt haben.

„Wir brauchen schnellstens ein Einwanderungsgesetz“

UNTERNEHMERIN KOMMUNE:
Wenn wir über die Voraussetzungen zur Integration reden, die vor Ort, konkret also hier in Neubrandenburg, bestehen oder geschaffen werden müssen, dann stellt sich doch schon jetzt die Frage nach Zeiträumen und auch nach Perspektiven des Bleibens oder wieder Gehen müssen?

Benischke:
Ihre Frage zeigt, dass wir konsequent zwischen dem Status von Flüchtlingen und Einwanderern unterscheiden müssen. Natürlich ist der Übergang fließend. Aber es ist eben schon ein gravierender Unterschied, ob ich über Integration für einen temporären Abschnitt – derzeit wird ja das Bleiberecht im Regelfall auf drei Jahre begrenzt – rede, oder ob ich davon ausgehe, dass es auch Flüchtlinge geben wird, die dauerhaft in Deutschland bleiben wollen. Dieses Wollen sollte dann zum Werden führen, wenn die Flüchtlinge über die Voraussetzungen verfügen, die wir endlich für eine gesteuerte Zuwanderung definieren müssten. Hier sind Übergänge fließend: es gibt genügend Flüchtlinge, die derzeit noch nicht über diese Qualifikationen verfügen, aber extrem motiviert und auch ausreichend talentiert sind, diese schnell zu erwerben. Wenn auch noch familiäre Bindungen zu Landsleuten bestehen, die schon dauerhaft in Deutschland leben, dann werden aus Flüchtlingen mit begrenztem Bleiberecht Migranten, und so sollten wir das auch regeln.

Witt:
Volle Zustimmung: wir brauchen schnellstens ein konkreteres Einwanderungsgesetz. Ein Gesetz, das eindeutig definiert, was für Flüchtlinge gilt, wo die Schnittstellen liegen und wie wir den Übergang vom Flüchtling zum Einwanderer kennzeichnen.

UNTERNEHMERIN KOMMUNE:
Karola Pablich, Kämmerin und Beigeordnete der Landeshauptstadt Erfurt, hat bei unserer Gesprächsrunde in Weimar die Auffassung vertreten, dass die Integration der Flüchtlinge eine übertragene Aufgabe auf der Grundlage einer nationalen Entscheidung ist, und demzufolge auch die vollumfängliche Finanzierung durch den Bund gewährleistet werden muss. Würden Sie dieser Einschätzung zustimmen?

Witt:
Frau Pablich hat Recht. Das Flüchtlingsproblem basiert auf außen- und völkerrechtlichen Entscheidungen. Deshalb müssen Unterbringung und Integration auch komplett durch den Bund finanziert werden. Ich sehe aber ziemlich schwarz, dass das auch umgesetzt wird. Die Prämissen sowie Eckpunkte für den Finanzausgleich zwischen Bund und Ländern ab 2020 sind gesetzt. Ich sehe nicht, dass dieses Paket noch einmal auf- und neugeschnürt wird. Das wäre aber gerade unter dem Aspekt der Flüchtlingsfinanzierung dringend nötig.

UNTERNEHMERIN KOMMUNE:
Kann man sagen, dass es neben den personellen auch monetäre Grenzen für eine erfolgreiche Integration gibt?

Witt:
Jedes System hat seine Grenzen. Ich muss eine ehrliche Bestandsaufnahme darüber machen, über welche Ressourcen für eine erfolgreiche Integration ich verfüge. Auf dieser Grundlage muss ich dann auch über Zahlen reden. Menschen, die über längere Zeit bei uns sind, die wir aber maximal unterbringen, keinesfalls aber integrieren können, verurteilen wir doch zu Perspektivlosigkeit. Das entspricht nicht meinem Menschenbild.

Benischke:
Ich denke immer wieder an den Oberbürgermeister von Bautzen. Er steht doch beispielhaft dafür, dass anderswo schlecht oder gar nicht geregelte Abläufe auf kommunaler Ebene ausgebadet werden müssen. Dafür muss man endlich die Verursacher verantwortlich machen, und nicht jene, die sich wie der gerade erwähnte Alexander Ahrens vor Ort redlich und engagiert bemühen, die Scherben zu kitten, die ihnen andere hinterlassen haben.

Unsere Gesprächspartner

Silvio Witt wurde am 13. Mai 1978 in Neustrelitz geboren. Nach dem Abitur im Jahr 1996 am Sportgymnasium Neubrandenburg leistete er ab 1997 Zivildienst beim Pommerschen Diakonieverein in Züssow. In den Jahren 1997 bis 2000 ließ er sich bei der Sparkasse Mecklenburg-Strelitz in Neustrelitz zum Bankkaufmann ausbilden. Dort arbeitete er bis 2002 im Bereich Medien- und Öffentlichkeitsarbeit. Im gleichen Jahr begann er ein Studium für Internationales Handelsmanagement an der Hochschule Worms und der Wirtschaftshochschule Budapest und schloss dieses 2006 als Diplom-Betriebswirt ab. Von 2007 bis 2009 arbeitete Witt als Redakteur des Nordkuriers in Prenzlau und Demmin. Danach war er als Unternehmer tätig und führte eine Agentur für Kommunikation, über die er Seminare, Textarbeiten und Beratung anbot. Zudem war er auch Kabarett-Veranstalter.

Von 1999 bis 2002 war Witt Gemeindevertreter in Groß Nemerow. 2015 trat er als parteiloser Bewerber bei der Wahl zum Oberbürgermeister von Neubrandenburg an und erreichte bei der Stichwahl 69,7 Prozent der Stimmen. Das Amt übernahm er im April 2015.

Silvio Witt ist Mitglied im Hauptausschuss des Deutschen Städtetages.

Frank Benischke wurde am 5. Januar 1964 in Aschersleben (Sachsen-Anhalt) geboren. Er ist geschieden und hat drei Kinder. Seit dem Jahr 1991 war er beim kommunalen Wohnungsunternehmen der Stadt Neubrandenburg, der Neubrandenburger Wohnungsgesellschaft mbH (NEUWOGES) in verschiedenen Funktionen tätig, bevor er im Jahr 2002 zum Geschäftsführer bestellt wurde. Der diplomierte Wohnungs- und Immobilienwirt (FWI) ist darüber hinaus im Rahmen des NEUWOGES-Konzerns auch als Geschäftsführer mehrerer Tochtergesellschaften tätig.

Frank Benischke ist Vizepräsident der Industrie- und Handelskammer Neubrandenburg für das östliche Mecklenburg-Vorpommern und Mitglied des Aufsichtsrates der Theater- und Orchester GmbH Neubrandenburg/Neustrelitz. Überdies ist er in vielfältiger Hinsicht in Ehrenämtern der Politik (Kreistag Mecklenburgische Seenplatte) und des Sports (Sportclub Neubrandenburg e. V.) engagiert.

Die NEUWOGES bewirtschaftet mit über 12 000 Wohnungen ca. 30 Prozent des Wohnungsbestandes in der Stadt Neubrandenburg. Zudem erbringt der Konzern mit über 400 Mitarbeitenden in seinen fünf Tochtergesellschaften immobilienwirtschaftliche Leistungen u. a. in der Bewirtschaftung von Gewerbeimmobilien und Stellflächen, in der Altenpflege und in der Schülerunterbringung, in der Verwaltung und Bewirtschaftung von Immobilien dritter Eigentümer sowie in der Wohnbaulanderschließung und in der Modernisierung und dem Neubau von Wohngebäuden.

Das Gespräch führte Michael Schäfer

Infos:

www.neubrandenburg.de

www.neuwoges.de

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