Wer wir sind. Die Erfahrung ostdeutsch zu sein.

Wer wir sind. Die Erfahrung ostdeutsch zu sein.

Dieses „Gesprächsbuch“ erschien am 14. September. Ich habe das Genre in Anführung gesetzt, weil mir der Begriff nicht gefällt. Ein besserer ist mir nicht eingefallen. Allerdings habe ich mir auch keine besondere Mühe gegeben. Denn für die Bewertung dieser Dokumentation eines Dialogs zwischen dem Soziologen und Hochschulrektor a.D., Jahrgang 1952, und der Bestsellerautorin Jana Hensel, Jahrgang 1976, ist das ohne Belang. Schon der Vergleich beider Geburtsdaten lässt ahnen, dass ein solcher Austausch reizvoll sein könnte. Hier der in der DDR komplett sozialisierte Wissenschaftler, der die Wende immerhin als „systemnaher“ (dieser Begriff wurde für jene große Mehrheit der Ostdeutschen erfunden, die der Diktatur mit offenem Widerstand begegneten, und die Erfinder wussten durchaus, dass diese Zuwidmung zum Kainsmal werden würde, was sie vermutlich sogar gewollt, zumindest aber mehr als billigend in Kauf genommen haben) Prorektor der führenden Schauspielschule erlebte, da die Publizistin, die 14 war als die Mauer fiel.

Nun muss sich der Rezensent entscheiden, ob er zum Diskurs Engler – Hensel ins Detail geht. Er lässt es und zwar mit dem Argument (bitte nicht als Verkaufsförderung missverstehen, ich bekomme definitiv keine Prozente), dass dieses Buch unverzichtbar ist für die mehr als überfällige, ehrliche Debatte zum Ost-West-Debakel. Um dieses, Sie haben richtig gelesen, Debakel im gegenseitigen Verständnis geht es in diesem Buch. Allen Hoffnungen zum Trotz, dass mit der Zeit die Objektivität wächst, ist genau das Gegenteil eingetreten. Die Deutungshoheit der Westdeutschen über die DDR und die ostdeutschen Biographien hat sich zementiert und die Klischees über den Osten haben den Rang der zehn Gebote. Das ist die Grundwahrheit und nur auf dieser Basis darf man über tatsächliche oder angebliche Ost-West-Unterschiede zu Themen wie AfD oder Flüchtlinge diskutieren.

Darüber und vieles mehr haben Engler und Hensel geredet. Hintereinander, an mehreren Tagen, in einem Rundfunkstudio. Das dokumentierte Rohmanuskript konnte von beiden Disputanten nicht nur autorisiert (das ist selbstverständlich), sondern auch ergänzt werden. Ich vermute, dass dabei vor allem zusätzliche Fakten in den Text fanden. Ob dieser Mix aus Rede und Schreibe gut für die Authentizität der Darstellung ist, daran habe ich meine Zweifel.

Die O-Töne des Professors und der Autorin muss man vollständig lesen. Nur auf diese Weise erschließt sich die differenzierte und intellektuell anspruchsvolle und kluge Argumentation von Wolfgang Engler. Dieser ist Jana Hensel an manchen Stellen gewachsen, an anderen aber nicht. Wer zur Wende 14 war, hat für eine solche Debatte nicht die Gnade, sondern eher das Pech der späten Geburt. Wenn man den Zeitzeugen für glaubwürdig hält und in Gänze schätzt – dass dem so ist, dokumentieren die Äußerungen von Frau Hensel – dann muss man ihm auch das glauben, was er erlebt hat. Jana Hensel lässt sich darauf aber zu selten ein, und gefällt sich an manchen Stellen in semantischen „Übungen“, die verzichtbar bis falsch sind. Natürlich ist der von Engler benutzte Begriff der Gleichschaltung ein Stück weit vernutzt. Aber im konkreten Fall beschreibt er präzise das nun schon fast drei Jahrzehnte bestehende Einerlei westdeutscher Erklär-Bären  bei der Beschreibung der Ostdeutschen. Warum muss man, wenn man diese Bewertung im Grundsatz teilt, den armen Engler auf den Pfad der “political correctness“ drängen. Da blieb ihm nach dem erhobenen Henselschen Zeigefinger gar nichts anderes übrig als sich für die Wortwahl mit dem Hinweis auf den „Eifer unseres Disputs“ zu entschuldigen und sogleich das lyrisch weich gespülte Bild vom „Gleichklang ohne Dirigenten“ zu erfinden.

Komplett neben der Wirklichkeit liegt Jana Hensel, wenn sie bekennt, dass sie die Vergleiche „DDR versus Bundesrepublik überhaupt nicht mag“. Ich mag auch keinen  Fisch, aber dazu finde ich Alternativen gar reichlich. Die aber haben jene, die in der DDR nicht nur geboren wurden (wie Jana Hensel), sondern große Teile ihres Lebens verbrachten, überhaupt nicht. Wenn sie nicht gerade an Demenz leiden – und das trifft ja gottlob für die wenigsten zu – können sie ja gar nicht anders: sie müssen ihre Erfahrungen und ihre Erlebnisse in System A mit jenen in System B vergleichen. Jana Hensel mag das nicht. Aber sie mag schon, dass wir über die Ost-West-Differenzen und –Distanzen reden. Beides zusammen geht aber nicht.

Deshalb hätten im Rundfunkstudio eigentlich die Fetzen fliegen müssen. Taten sie aber nicht. Gute Soziologen, und Engler ist einer, neigen völlig zu Recht zum einerseits und andererseits und legen auch darunter noch 397 weitere Ebenen der Unterdifferenzierung an. Diese wissenschaftliche Methodik macht offenbar auch nachsichtig. Ich hätte, wäre ich im Studio gewesen, hier und da auch auf den Tisch gehauen.

Das liegt natürlich daran, dass ich mit Engler neben dem Geburtsjahrgang auch eine in Grundzügen ähnliche Vita teile. Das wiederum gilt mit dem nochmaligen Hinweis auf die großen Lebensbögen für eine ordentlich siebenstellige Zahl von Ossis. Und für die trifft zu, was Engler und Hensel wiederum in großer Übereinstimmung feststellen: Es ist zwingend geboten, sich bei der Analyse des heutigen Ostens in erster Linie auf jene Prozesse zu konzentrieren, die nach der Wende, vor allem in den 90er Jahren, stattfanden.  Was Jana Hensel dazu äußert ist sachlich zutreffend und wird zudem von allen objektiven Betrachtern geteilt: „In den neunziger Jahren wurden in Ostdeutschland fundamental andere Erfahrungen als in Westdeutschland gemacht. Damals fand, vor allem in der ersten Hälfte der neunziger Jahre, ein ökonomischer Kollaps statt, der in seiner Radikalität vor allem durch die Schnelligkeit, mit der er geschah, historisch wohl einmalig ist. Jene Zeit ist von einer ganzen Menge an extremen Erfahrungen geprägt, die allesamt eine Abwärtsbewegung beschreiben.“

Diese Prozesse müssen endlich objektiv in den Blick genommen werden. Dazu gehört das verhängnisvolle Wirken der Treuhand, die schon nach kurzer Zeit den ganzen Osten und dessen Menschen weitestgehend enteignet hatte. Dazu gehört der fatale, undifferenzierte Umgang mit den ostdeutschen Eliten. Und dazu gehört auch das Besetzen fast aller Schlüssel- und Führungspositionen des Ostens durch Westdeutsche. Das war eben keine Wiedervereinigung auf Augenhöhe, sondern eine koloniale Landnahme. Das hat, wenn sich zwei feindliche Lager plötzlich in Sieger und Besiegte teilen, seine Logik, ein Stück weit sogar seine Berechtigung. Aber die historische Wahrheit lautet doch, dass die Sieger nicht die Westdeutschen waren, sondern Millionen von Ostdeutschen, die mutig ihrer DDR ein friedliches Ende machten. Das wurde in Sonntagsreden besungen. Die zwingende Schlussfolgerung aber blieb aus: Nämlich die, dass die gefeierten Revolutionäre als die Sieger des Ostens und Wegbereiter der Deutschen Einheit umfassend mit bestimmen dürfen.

Wenn sich die Verantwortlichen in Deutschland einig Vaterland diesen Fragen nicht stellen, dann werden wir weiter auf allerdürftigstem Niveau davon lesen, dass die Ostdeutschen keine Ausländer mögen und in der Demokratie noch immer nicht angekommen sind.

Die Leute aber, um die es geht, also jene zwischen Rügen und Inselsberg werden es auch weiterhin nicht mögen, dass über sie geurteilt und entschieden wird, ohne, dass sie gefragt werden. Das hatten sie nämlich schon mal. Und sie haben es nicht abgeschafft, um das Selbe in grün noch einmal zu erleben. Dagegen veranstalten sie aktuell (noch) keine Montagsdemos auf dem Ring in Leipzig und anderswo. Sie wählen stattdessen zum Beispiel AfD.

P.S. Das Buch erlebte Mitte Oktober, also nur einen Monat nach Erscheinen, seine vierte Auflage und stand kurz nach Erscheinen sogar auf der Spiegel-Bestsellerliste. Dort finden Sie nun andere Titel. Was das heißt? Ab in die nächste Buchhandlung (denken Sie an den leidgeprüften kleinen Kulturbewahrer in Ihrem Kiez und lassen Amazon links liegen), den Band kaufen, schnellstens lesen, und mit den wichtigen Argumenten in den Ost-West-Diskurs engagiert eingreifen.

Wolfgang Engler / Jana Hensel: Wer wir sind. Die Erfahrung ostdeutsch zu sein.

Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-351-03734-5
www.aufbau.verlag.de

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