Mit Brecht, Stanislawski und einem ostdeutschen Rektor die erfolgreichste in Deutschland

Mit Brecht, Stanislawski und einem ostdeutschen Rektor die erfolgreichste in Deutschland

Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“:

Interview mit Prof. Dr. Wolfgang Engler, von 2005 bis Ende September 2017 Rektor der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“

Kommune und Kunst sind unser Leben. Damit ist die anzunehmende Frage einiger Leser zu beantworten, warum wir den Rektor der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ für UNTERNEHMERIN KOMMUNE interviewt haben. Wer unsere Zeitschrift langjährig und aufmerksam verfolgt, kann sich zudem erinnern, dass wir in den zurückliegenden Jahren drei seiner wichtigsten und viel beachteten Bücher – „Die Ostdeutschen“, „Die Ostdeutschen als Avantgarde“ und „Lüge als Prinzip“ vorgestellt haben. Zum dritten ist der Interviewer einfach neugierig gewesen, diesen Autoren  und ostdeutschen Rektor der bekanntesten und erfolgsreichsten deutschen Schauspielschule persönlich kennenzulernen. Und natürlich gibt’s auch einen direkten kommunalen Bezug: die Hochschule für Schauspielkunst liegt in einem traditionsreichen Berliner Arbeiterkiez, in Niederschöneweide im Ostteil der Hauptstadt, und das gibt Stoff für die Frage, die wir an den Anfang unseres Interviews mit Wolfgang Engler stellen wollen. Wir führten dieses Gespräch am 5. September im Garten des Hochschul-Campus bei strahlendem Sonnenschein und herrlichem Blick auf die Spree.

UNTERNEHMERIN KOMMUNE:
Ist die Lage der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ in Niederschöneweide, also fernab der abgehobenen Quartiere des Regierungsviertels, besonders geeignet, die Formung von Schauspielerpersönlichkeiten nah am Leben zu befördern?

Prof. Dr. Wolfgang Engler:
Unsere Existenz an verschiedenen Standorten ist seit Gründung im Jahr 1951 ein Spezifikum, über das wir uns ärgern, woran wir aber sehr lange Zeit nichts ändern konnten. Allerdings: die Abteilung Schauspiel  besteht von Beginn an hier in Niederschöneweide. Es war eindeutig eine politische Entscheidung, diesen Bereich inmitten des größten und wichtigsten Industrieareals in der DDR-Hauptstadt anzusiedeln. Wenn die Studenten zu den Lehrveranstaltungen kamen, trafen Sie  Tausende Arbeiter der Nachtschicht auf deren Heimweg. Direkt gegenüber existierte bis vor kurzem eine Kneipe namens „Die Quelle“. Legendär waren aber auch „Der Eisenbahner“ oder „Zur stumpfen Ecke“. Die hatten schon in aller Frühe geöffnet. Wer acht Stunden des Nachts an der Maschine gestanden hatte, der hatte am Morgen Anspruch auf sein Feierabendbier. Das Leben hier tickte nach den Maßstäben der arbeiterlichen Gesellschaft. Das dämpfte das elitäre Selbstverständnis mancher unserer Schüler. Es gab keine Szene, kaum Abwechslung und mithin auch keine Ablenkung. Aber hier war das Leben, und das fand real wie atmosphärisch Eingang in das Bewusstsein unserer Studenten.

UNTERNEHMERIN KOMMUNE:
Wie nah waren die Studenten auch ihrer Herkunft nach der Arbeiterschaft?

Prof. Dr. Wolfgang Engler:
Ich nehme an, Sie haben mit Ihrer Frage die Existenz der Schule in der DDR im Auge. Damals kam ein erheblicher Anteil – mit genauen Zahlen kann ich leider nicht dienen – der Bewerber aus der Arbeiterklasse, um den damaligen Terminus zu verwenden. Das war nicht gesteuert, es gab auch keine Bevorzugungen. Die hohen Hürden in Gestalt der Aufnahmeprüfungen waren für alle gleich. Dass sich Arbeiterkinder so zahlreich für den Schauspielerberuf interessierten, lag wohl vor allem im politischen Selbstverständnis der DDR. Die Losung „Kultur ist jeder zweite Herzschlag unseres Lebens“ macht das, wenn auch etwas plakativ, deutlich. Dem Slogan entsprach etwas im realen Leben:  Die Mitglieder der Brigaden in den Betrieben gingen gemeinsam ins Theater, Schriftsteller wurden zu Lesungen an die Produktionsstandorte eingeladen, es gab unzählige Zirkel, in denen sich Arbeiter und Angestellte auch selbst künstlerisch betätigten, als Musiker, als Autoren, als Schauspieler.

Die soziale Zusammensetzung unserer Studentenschaft hat sich nach der Wende gravierend geändert. Abkömmlinge aus der Arbeiterschaft sind eine große Ausnahme. Typisch ist die Herkunft aus dem Mittelstand, oder noch präziser, aus dem gehobenen Bildungsbürgertum.

Weniger Spree, dafür aber nah am „DT“ und „BE“

UNTERNEHMERIN KOMMUNE:
Gibt es neben der besonderen Atmosphäre des Stadtbezirks auch reale Verbindungen zwischen der Hochschule und dem Umfeld oder hochtrabend gefragt, wie kulturstiftend ist die Hochschule in Niederschöneweide?

Prof. Dr. Wolfgang Engler:
Kulturstiftend sind wir im Prenzlauer Berg mit unserer Studiobühne „bat“ (siehe Kasten – Anm. der Redaktion). Hier in Niederschöneweide gibt es einmal im Jahr den „Tag der offenen Tür“. Da kommen auch Bewohner von nebenan, aber in der Mehrzahl sind es Schauspielinteressierte aus der Berliner Mitte, ja aus der ganzen Republik.

UNTERNEHMERIN KOMMUNE:
Nach jetziger Planung wird die Hochschule für Schauspielkunst im Jahr 2018 aus dem Arbeiterbezirk in die noble Mitte umziehen. Neues Domizil sind die ehemaligen Opernwerkstätten in der Zinnowitzer Straße. Von dort sind berühmte Spielstätten wie das Deutsche Theater oder das Berliner Ensemble zu Fuß erreichbar. Worin sehen Sie, was das neue Umfeld anbelangt, die Pluspunkte, und was wird aus Oberschöneweide fehlen?

Prof. Dr. Wolfgang Engler:
Alle freuen sich sehr auf den Umzug. Aber viele werden den idyllischen Campus direkt an der Spree vermissen oder auch das „Privileg der Abgeschiedenheit“ mit der Chance zu absoluter Konzentration.

Wir waren als Hochschule hier in der Schnellerstraße über viele Jahrzehnte sehr erfolgreich. Da muss sich ganz selbstverständlich auch ein wenig Traurigkeit in die überwältigende Freude mischen, dass endlich alle Standorte vereinigt sind, und dass wir ganz nah den Orten sind, an denen Schauspielkunst auf allerhöchstem Niveau zelebriert wird.  Das ist ein  entscheidender Gewinn. Das hohe Niveau unserer Ausbildung wird maßgeblich davon geprägt, dass die besten Schauspieler und Regisseure unseres Landes – davon sind sehr viele an den Berliner Bühnen tätig und haben oft bei „Ernst Busch“ studiert – bei uns als Lehrer wirken. Die waren nach Niederschöneweide eine Stunde unterwegs, jetzt kommen sie quasi „auf einen Sprung vorbei“.

UNTERNEHMERIN KOMMJNE:

Es gibt kein Theater in Deutschland, das auf sich hält und keinen Filmregisseur, der auf Preise und volle Säle erpicht ist, die ihre Stücke und Filme nicht mit Absolventen der Ernst Busch Hochschule besetzen. Fritzi Haberlandt, Corinna Harfouch, Nina Hoss, Dagmar Manzel, Henry Hübchen , Charly Hübner, Lars Eidinger, Jan Josef Liefers, Matthias Schweighöfer oder Devid Striesow stehen beispielhaft für eine große Zahl von Absolventen, die zur ersten Garde der deutschen Schauspielzunft gehören. Gibt es eine summarische Antwort auf die Frage, worauf sich dieser Erfolg gründet?

Ohne  handwerkliche Perfektion gibt es keine Genies

Prof. Dr. Wolfgang Engler:
Egal ob man Bilder malt, Bücher schreibt, oder Menschen auf der Bühne darstellt, alle diese künstlerischen Betätigungen werden ohne  die Beherrschung des Handwerks – von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen – nie meisterliches und hier und da sogar geniales Niveau erreichen. Das werden alle bestätigen, die den Olymp erklommen haben. Und sie werden auch bezeugen, dass das Erlernen dieser handwerklichen Fähigkeiten schweißtreibend ist und höchste Disziplin erfordert. Die Aneignung folgt dem Prinzip, so lange zu üben, bis die Fertigkeiten in Fleisch und But übergegangen sind. Das ist oft monoton, vor allem aber ist es zeitraubend und anstrengend. Auf diese Weise lernen unsere Schauspielstudenten ihr Handwerk. Und nur jene, die es am Ende auch beherrschen, können auf dieser Grundlage ihr Talent und ihre Kreativität umfassend entfalten. Viele unserer Studenten beschreiten diesen mühevollen Weg erfolgreich. Unsere Absolventen gehören Jahrgang für Jahrgang zu den Besten, sind niveaubestimmend. Andere Einrichtungen unseres Metiers halten es anders. Da die Korrelation zwischen unserem Lehrverständnis und dem Erfolg aber ebenso greifbar wie faktisch belastbar ist, scheint Ihre Frage nach den Erfolgsgründen beantwortet. Mit folgender Ergänzung. Neben der Beherrschung des Handwerks ist unser Verständnis, dass Schauspielkunst ein kollektiver Prozess ist, der zweite große Grund dafür, dass wir als Hochschule Maßstäbe setzen konnten. Die gemeinsame künstlerische Arbeit ist prägend. Dafür steht das erwähnte „bat“, das nach dem Umzug als eine Art Labor fortbestehen wird, und dafür wird in Zukunft eine eigene Spielstätte am neuen Standort künden, mit dem wir im Berliner Theaterleben eine eigenständige Rolle spielen werden.

UNTERNEHMERIN KOMMUNE:
Nun können wir zu diesem Thema etwas in die Tiefe gehen. Die Hochschule gibt es seit 1951 und sie hat schon in der DDR maßgeblich zum anerkannt hohen Niveau der dortigen Schauspielkunst beigetragen, die im gesamten deutschsprachigen Raum und sogar darüber hinaus höchste Anerkennung fand. Die Bildungsstätte war also offenbar schon immer etwas Besonderes. Worin manifestierte sich das?

Prof. Dr. Wolfgang Engler:
Die gerade skizzierten Methoden, mit denen wir zunächst Fertigkeiten und im zweiten Schritt künstlerische Meisterschaft entwickeln, praktizieren wir seit unserer Gründung. Das hat auch etwas mit Quälerei zu tun. Man muss sich heutzutage trauen, das genauso zu artikulieren. In der künstlerischen Bildungslandschaft der DDR war es eine Selbstverständlichkeit. Die überaus positiven Resultate sind deshalb nicht nur auf dem Theater zu besichtigen. Ich nenne beispielhaft die weltberühmte „Leipziger Schule“. Fast alle führenden Vertreter, Maler mit Weltgeltung, haben DDR-Kunsthochschulen absolviert.

UNTERNEHMERIN KOMMUNE:
Ästhetik ist keine gesellschaftsneutrale Kategorie. Könnte man trotzdem von einer weitgehend ungebrochenen Traditionslinie der Hochschule sprechen, und wenn ja, worin besteht diese?

Prof. Dr. Wolfgang Engler:
Ungebrochen ja, in dem Sinn, dass die definierten Spezifika unserer Ausbildung als tragende Säulen Bestand haben und dass sie im dialektischen Sinne fähig sein müssen,  gesellschaftliche Veränderungen aufzunehmen und zu verarbeiten. Auf diese Weise erfolgt die Fortschreibung der Grundprinzipien. Unser Verständnis von Theater basiert in besonderer Weise auf und der Symbiose der Ideen von Brecht und Stanislawski und manifestiert sich in der Einheit von Körper und Sprache. Wir sind heute damit konfrontiert, dass die Performance neben das klassische Schauspiel tritt, ihm hier und da sogar den Rang abläuft. Die Versuchung, diesem Trend zu folgen, ist durchaus vorhanden. Ich aber meine, wir sollten diese Entwicklung zwar zur Kenntnis nehmen, aber unter konsequenter Wahrung unseres grundlegen Verständnisses von Schauspielkunst.

UNTERNEHMERIN KOMMUNE:
Berlin hat wohl auch deshalb zu seiner Weltgeltung zurückgefunden – wir erinnern an die „Goldenen Zwanziger Jahre“ – weil  es seine Rolle als Kulturmetropole offiziell sehr intensiv auslebt und gestaltet, und die sogenannte freie Szene nahezu unbegrenzte Spielräume hat. Wie befruchten sich diese Kulturstadt und die Hochschule für Schauspielkunst gegenseitig?

Prof. Dr. Wolfgang Engler:
Unsere Hochschule fungiert im besten Sinne als „Lieferant“ für die Theaterszene. An Berliner Bühnen sind teilweise bis zu 50 Prozent der dort tätigen Schauspieler unsere Absolventen. Das ist ein großer Beitrag, den wir Jahrgang für Jahrgang dafür leisten, dass Theater in Berlin – und natürlich weit darüber hinaus – auf so hohem Niveau stattfindet.

Zugleich aber sind wir Teil des Kulturbetriebs. Im „bat“ gab es in der jüngeren Vergangenheit bis zu 120 Vorstellungen im Jahr. Auch am neuen Standort werden wir öffentlich präsent sein und als relevanter Faktor des hauptstädtischen Theaterlebens wahrgenommen werden.

Die Erfahrungen in zwei Gesellschaftssystemen sind ein großer Vorteil

UNTERNEHMERIN KOMMUNE:
Wir haben es schon im Vorspann unterstrichen. Sie leiten als Ostdeutscher eine der renommiertesten Hochschulen – diese Wertung bezieht sich auf den Gesamtbereich des Wissenschaftsbetriebs – in Deutschland und sind damit unter den Rektoren von der Herkunft her nahezu ein Unikat. Empfinden Sie das auch selbst als Besonderheit und werden Sie von den Kollegen in Berlin und darüber hinaus als etwas Besonderes wahrgenommen?

Prof. Dr. Wolfgang Engler:
Als ich im Jahr 2005 Rektor der Hochschule wurde, war ich der erste Ostdeutsche, der eine Berliner Hochschule nach dem Umbruch leitete. Inzwischen haben auch die Prorektorin und der Kanzler einen ostdeutschen Hintergrund. Wenn ich auf die zwölf Jahre zurückschaue, in denen ich die Verantwortung für unsere Hochschule tragen durfte, dann möchte ich in aller Zurückhaltung mehrere Dinge anmerken: Erstens haben wir in dieser Periode sehr erfolgreich gearbeitet. Wäre das nicht geglückt , säße ich nicht mehr hier, denn ein Ostdeutscher als Rektor einer öffentlichen Hochschule ist in dieser Stadt auch weiterhin alles andere als eine Normalität, was im Umkehrschluss auch heißt, dass es immer noch manchen stört. Zweitens hat unser ostdeutsches Team an der Hochschulspitze von Anfang mit großer Kollektivität, Transparenz, gegenseitiger Wertschätzung und Offenheit zusammengewirkt. Wahrlich keine Selbstverständlichkeit in unserer Hochschullandschaft. Und drittens haben wir bewiesen, dass es lohnenswert ist, Ostdeutschen Verantwortung zu übertragen. Ich habe große Zweifel, dass diese Schlussfolgerung hier in Berlin und anderswo gezogen wird. Mein Nachfolger – das sage ich völlig wertfrei – kommt aus Hamburg und die Berliner Rektoren haben ab dem 1. Oktober wieder komplett eine westdeutsche Biographie.

Kurz zum Stichwort „Wahrnehmung“. Es ist interessant, dass meine ostdeutsche Herkunft oft deshalb keine Rolle spielt, weil man einfach annimmt, ich könne ja – wie eben fast alle –  nur ein Westdeutscher sein. Das kommentiert sich von selbst.

UNTERNEHMERIN KOMMUNE:
Sie haben mit Thomas Flierl – von 2002 bis 2006 Kultur- und Wissenschaftssenator – und Klaus Lederer, seit 2016 für Kunst und Kultur in der Stadt verantwortlich, zwei Ostdeutsche und zudem noch Mitglieder der Linkspartei, erlebt, die für ihre Hochschule verantwortlich waren. Hat diese gemeinsame Herkunft eine Rolle gespielt oder gar Vorteile gebracht?

Prof. Dr. Wolfgang Engler:
Wenn ich teil teils sage, dann keineswegs in diplomatischer Mission. Thomas Flierl war Senator, als ich mich als Rektor beworben habe. Wir kannten uns gut, er war mit unserer Hochschule vertraut, und so konnte ich ihn schnell dafür gewinnen, mein Konzept zur Zusammenführung der vielen in Berlin verstreuten Hochschulteile politisch zu unterstützen. Und nicht nur ihn, denn der gesamte Senat hat dazu sehr schnell nach meiner Wahl einen Beschluss zur Umsetzung dieser Pläne gefasst. Finanzsenator Sarrazin hat das Vorhaben im Jahr 2009 aus rein fiskalischen Gründen, aber eigentlich ohne jede Not und erst Recht ohne inhaltliche Begründung gekippt. Die Ostdeutschen, die hinter diesem Projekt standen, sollten wohl keinen Erfolg haben. Insofern verwandelte sich der anfänglich Vorteil der gemeinsamen ostdeutschen Herkunft von Senator und Rektor letztlich in einen Nachteil.

Mit Klaus Lederer habe ich sehr produktiv die Frage diskutiert, was aus dem Campus in Niederschöneweide nach unserem Auszug wird. Dass die exponierte Lage direkt am Spreeufer ideal für Luxus-Lofts ist, liegt auf der Hand. Gottlob hatten handfeste Ideen zur Privatisierung einer höchst attraktiven öffentlichen Immobilie keine Chance. Haus und Areal bleiben nach jetziger Planung nicht nur in städtischer Hand, die Immobilie wird saniert. Im Zuge dieser grundhaften Ertüchtigung entstehen Ateliers und Probenräume. Die brauchen wir dringend, und auf diese Weise bleibt das, was wir am Spreecampus schätzen, in gewandelter Form erhalten.

„Es ist ein Skandal wie die „Volksbühne“ beerdigt wird“

UNTERNEHMERIN KOMMUNE:
Noch eine Frage zur Berliner Szenerie: Die „Abwicklung“ – ein anderer Begriff fällt mir da leider nicht ein –  der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz und damit auch der würdelose Umgang mit Frank Castorf  und dessen „Ersatz“ durch Chris Dercon beendet wohl die Existenz des Traditionshauses als Ensemble-Theater und erinnert auch wegen der physischen Demontage der weithin bekannten Symbole dieser Bühne grundsätzlich an Bilderstürmerei. Zudem – wohl wegen vieler Parallelen im Vorgehen der politisch Verantwortlichen – kam mir wieder in den Sinn, wie  Thomas Langhoff im Jahr 2001 vom Deutschen Theater vertrieben und durch Bernd Wilms „ersetzt“ wurde. Der begann seine Intendanz damit, dass er im Foyer die Fotos der Schauspieler entfernte, die als Ensemble-Mitglieder das „DT“ weltberühmt gemacht hatten und nach ihrem Tod dort per Bild geehrt wurden, mithin auch eine Erinnerung an die reiche Tradition des Hauses als Ort erlesener Schauspielkunst. Ist es übertrieben in beiden hier kurz skizzierten Vorgängen auch einen Ost-West-Konflikt zu sehen und was halten Sie von der radikalen Umwidmung der Volksbühne in eine „Plattform“, wie es Chris Dercon vorhat?

Prof. Dr. Wolfgang Engler:
Nach meinem Gefühl wurde ich in meiner Zeit als Rektor einer weit über Berlin hinaus geachteten Bildungsstätte wöchentlich bestimmt einmal gebeten, eine Petition zu oft auch wichtigen Fragen zu unterschreiben. Hier habe ich immer große Zurückhaltung geübt, denn Person und Amt kann man  nicht trennen. In Sachen Volksbühne konnte es in der Positionierung von Wolfgang Engler und dem Rektor der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ aber wiederum ganz objektiv nur volle Übereinstimmung geben. Mithin gehöre ich zu den 80 Erstunterzeichnern, die ihre Stimme gegen die „Abwicklung“ – ich finde den von Ihnen gewählten Begriff völlig zutreffend – erhoben. Inzwischen gibt es die für einen ja doch recht spezifischen kulturpolitischen Vorgang gewaltige Zahl von über

40 000 Menschen, die sich unserer Auffassung angeschlossen haben: wir adressieren diese Voten an den Regierenden Bürgermeister und die Vorsitzende des Kulturausschusses im Berliner Abgeordnetenhaus.

Es ist ein Skandal wie dieses von Erwin Piscator zu Weltruhm gebrachte Haus – Frank Castorf war ein in jeder Hinsicht würdiger Nachfolger – als Theater beerdigt wird. Herr Dercon beschäftigt keinen einzigen festen Dramaturgen, keinen festen Regisseur und bis auf zwei unkündbare Mimen auch keinen einzigen Schauspieler. Mit dem trotzigen „Ost“ auf dem Dach des Hauses wurde nicht nur ein Schriftzug demontiert. Das lässt auch einen politischen Hintergrund vermuten, und die Parallelen zur Vertreibung von Thomas Langhoff aus dem DT, von denen Sie sprachen, sind nicht ganz von der Hand zu weisen.

UNTERNEHMERIN KOMMUNE:
Sehen Sie für Ihre Tätigkeit als Hochschulleiter, Lehrer und Wissenschaftler in der Tatsache einen Vorteil, dass Sie nicht nur zwei Gesellschaftssysteme aktiv miterlebt haben, sondern in diesen beiden Welten leitende Positionen in einer Kunsthochschule bekleidet haben bzw. noch bekleiden?

Prof. Dr. Wolfgang Engler:
Es ist ausgesprochen hilfreich, auf beide Erfahrungen zurückgreifen zu können. Vieles im Funktionieren politischer Apparate ist ähnlicher als wir uns das aus DDR-Perspektive vorstellen konnten. Aber es gibt auch erfreuliche Unterschiede. Wer wie ich erlebt hat, wie bis 1989 vor allem inhaltlich durch die Politik in die Hochschule hineinregiert wurde, der weiß besonders die in der neuen Zeit gelebte Hochschulautonomie und die Freiheit von Forschung und Lehre zu schätzen.

Dazu passt allerdings das Übermaß an Bürokratie und das ausufernde Berichtswesen überhaupt nicht. Als Rektor habe ich aber über die Jahre ein Gefühl dafür entwickelt, auf welche Fragen man antworten und welche Formulare man ausfüllen muss. Angesichts der Flut der Anfragen Mal und Mal auf stur zu schalten, war zu DDR-Zeiten ein Gebot administrativer Klugheit und auch unter den neuen Verhältnissen durchaus angezeigt. Mit dieser Manier,  bürokratischen Leerlauf einfach auszusitzen, bin ich gut gefahren, habe mir und vielen Kolleginnen und Kollegen Zeit und Kraft für den eigentlichen Auftrag der Hochschule gespart.

Schaufensterfunktion – Grund für eine üppige Kulturausstattung

UNTERNEHMERIN KOMMUNE:
Noch eine Ost-West Frage: Sie arbeiten und leben wie Ihr Interviewer in Berlin. Teilen Sie dessen Empfindung, dass die Stadt auch im Jahr 27 nach der Wende in Gestalt der Sichtweisen, der Empfindungen und Bewertungen der hier lebenden Menschen mental immer noch keine Einheit ist, und sehen Sie das auch für den Kulturbetrieb?

Prof. Dr. Wolfgang Engler:
Aus der exponierten Lage der beiden Teile Berlins an der Trennlinie der zwei konträren Gesellschaftssysteme, der Begriff „Eiserner Vorhang“ ist vielen geläufiger, ergab sich eine Schaufensterfunktion weit über die beiden deutschen Staaten hinaus. Mithin war auch das kulturelle Leben strahlender, spektakulärer als in jeder anderen deutschen Großstadt. Aber nach der Wende gab es das, was im West- und im Ostteil jeweils reichlich vorhanden war, im Maßstab von nunmehr einer Stadt. Wo findet man sonst noch in der Welt in einer Kommune drei große Opernhäuser, um es an diesem Beispiel anschaulich zu machen. Auch die Sprechtheater-Landschaft war üppig. Manche Bühne hat – jedenfalls als öffentliches Stadttheater mit festem Ensemble – nicht überlebt. Dass sich  die Häuser im Ostteil alle behauptet haben, und zwar nicht nur irgendwie, sondern mit Bravour, was  ausdrücklich auch auf die gerade zum Thema gemachte Volksbühne zutrifft, hat zweifellos etwas mit den hervorragenden Schauspielern zu tun, die häufig in unserer Hochschule die Kunst des Spielens erlernt hatten. Da war es schon erstaunlich, dass im Zuge einer „Flurbereinigung“ zwecks Abbau von „Doppelkapazitäten“ im Jahr 1995 der damalige Kultursenator auf die „Idee“ kam, unsere Hochschule der Westberliner Hochschule der Künste (HdK) anzugliedern. Dies haben in bemerkenswerter und solidarischer Einmütigkeit die Proteste von Lehrern und Studenten und vieler Kulturschaffender auch außerhalb unserer Hochschule verhindert. In ähnlicher Geschlossenheit haben wir es auch geschafft, dass das Projekt der Zusammenführung der Schule an einem Standort nach dem zeitweiligen von Sarrazin verordneten Aus wieder auf die Tagesordnung kam. Ein nochmaliger Versuch im Jahr 2012, diese Investition trotz eindeutiger Beschlusslage dadurch zu verhindern, dass das Abgeordnetenhaus die Finanzmittel nicht freigab, scheiterte ebenso. Gerade in solchen Situationen spürten wir, wie viel Sympathien sich die „Ernst Busch“ über Jahrzehnte hinweg in Berlin und weit darüber hinaus erworben hat. Ich hoffe, dass unterdessen auch die Politiker in dieser Stadt zu schätzen wissen, was für ein Juwel sie an dieser kleinen Hochschule haben.

Einheit von künstlerischer Erziehung und Gesellschaftspolitik

UNTERNEHMERIN KOMMUNE:
Von ihren Erfahrungen in der DDR direkt inspiriert sind zwei bemerkenswerte Bücher: „Die Ostdeutschen“ mit dem Untertitel „Kunde von einem verlorenen Land“ und „Die Ostdeutschen als Avantgarde“. Beide Titel erschienen im Aufbau Verlag und zwar 1999 und 2002 und gehören nach der festen Überzeugung ihres Interviewers, der für sich einen guten Überblick zu Büchern über dieses Thema reklamiert, zu den kundigsten und auch sensibelsten Analysen der realsozialistischen DDR.

Ihre Beschreibungen, Befunde und Schlussfolgerungen haben natürlich – das ist schließlich Ihr wissenschaftliches Fach – einen soziologischen Ansatz, aber die Perspektive ist eine gesellschaftspolitische. Wohl deshalb tragen beide Werke in bemerkenswerter Weise zum Verständnis der DDR bei. Warum haben Sie diese Analysen nicht fortgeführt, beispielsweise für den Bereich der wissenschaftlichen und künstlerischen Intelligenz, wofür sie ja mit ihren beruflichen Erfahrungen prädestiniert wären?

Prof. Dr. Wolfgang Engler:
Es muss ja nicht alles aus meiner Feder kommen. Ich freue mich, dass gerade das erst genannte Buch Impulse auch für andere gesetzt hat, sich mit diesem Thema zu beschäftigen oder ihnen die öffentliche Aufnahme erleichterte. Ich nenne beispielhaft das bemerkenswerte Buch von Werner Mittenzwei, in dem er unter dem Titel „Die Intellektuellen“ die höchst komplizierte und widersprüchliche Geschichte dieser Schicht – Künstler, Wissenschaftler – in der DDR aufgeschrieben hat.

Ja, ich bedauere es hier und da schon, dass ich am Thema nicht weitergearbeitet habe. Mich haben dann andere Themen interessiert, und es gab auch einfach viel zu tun, im Amt und als Hochschullehrer. Ab Oktober kann ich ohne die Zwänge des Rektorenamts wieder freier disponieren.

UNTERNEHMERIN KOMMUNE:
Ihre Bücher, jedenfalls die von mir erwähnten, die ich gründlich und mit Gewinn gelesen und auch rezensiert habe, sind im besten Sinne gesellschaftskritisch, und sie sind es in großer Konsequenz, wenn ich an „Lüge als Prinzip. Aufrichtigkeit im Kapitalismus denke“. Haben Sie noch die Hoffnung, damit die Welt nicht nur zu interpretieren, sondern auch verändern zu können?

Prof. Dr. Wolfgang Engler:
Für mich als Hochschullehrer ist es  am wichtigsten, mit der Wissensvermittlung Impulse zum Weiterdenken zu setzen. Das wird nicht leichter, denn die Anpassung des Denkens an den Status quo wird einem heutzutage ja geradezu aufgedrängt. Ich aber will das Bewusstsein dafür wecken, dass die Dinge nicht so sein müssen, wie sie sind. Mit diesem Anspruch gehe ich in jede Lehrveranstaltung und in jede  Diskussion.

Ohne Amtskette weiter Professor bei „Ernst Busch“

UNTERNEHMERIN KOMMUNE:
Natürlich muss ich Sie im Schlussteil unseres Interviews als Rektor der bekanntesten und erfolgreichsten deutschen Ausbildungsstätte für Schauspieler fragen, ob via Bühne und Leinwand überhaupt relevante Impulse dafür gesetzt werden können, unsere Welt besser zu machen. Und weiter: wie werden bei „Ernst Busch“ in Oberschöneweide die moralischen und intellektuellen Voraussetzungen geschaffen, dass die Künstler – und viele ihrer Absolventen sind ja so bekannt oder gar berühmt, dass sie auch über die Medien meinungsbildend wirken – diese Impulse auch tatsächlich setzen können, und dies aus Überzeugung?

Prof. Dr. Wolfgang Engler:
Es ist eine nicht nur bemerkens-, sondern auch eine hervorhebenswerte Eigenheit von Kunsthochschulen in Ostdeutschland gewesen – das gilt im übrigen für solche Einrichtungen im gesamten ehemaligen Ostblock – dass gesellschaftstheoretische Themen einen erheblichen Raum im Curriculum eingenommen haben. Das ging (allenfalls mit Ausnahme rein ideologischer Fächer) nicht zu Lasten der künstlerischen Ausbildung. Es war vielmehr ein Teil davon. Denn Kunst ist schließlich gesellschaftlich determiniert. Diese eingangs erwähnte Eigenheit haben wir ins Heute gerettet. Mit dieser Sicht und dem daraus abgeleiteten Ausbildungskonzept sind wir auch seit dem quasi Neustart im Jahr 1990 erfolgreich gewesen. Und wir schaffen es damit auch, dass viele unsere Absolventen am gesellschaftlichen Diskurs interessiert sind und sich selbst darin einschalten, siehe die Berliner Schaubühne unter ihrem Künstlerischen Leiter, Thomas Ostermeier, der bei uns von 1992 bis 1996 Regie studiert hat.

UNTERNEHMERIN KOMMUNE:
Ganz am Ende müssen wir mit einem weinenden Auge daran erinnern, dass die Ära Engler – so darf man Ihre Zeit als Rektor bei „Ernst Busch“ in aller Zurückhaltung würdigen – zu Ende  geht. Zum 1. Oktober ist der Theatermacher Holger Zebu Kluth in diesem Amt. Aus dem Vorgänger wird ein Emeritus, der sich noch lange nicht zur Ruhe setzt. Wie werden Sie nunmehr Ihre Zeit verbringen?

Prof. Dr. Wolfgang Engler:
Es macht mich sehr glücklich, dass ich einstweilen weiter an dieser meiner Hochschule lehren werde. Dieses Privileg genieße ich seit 1981, also seit 36 Jahren, und ich werde es hoffentlich noch eine Zeitlang behalten.

Seit 2009 bin ich als Lehrbeauftragter an der Universität St. Gallen tätig. Diese Wirtschafts-Eliteschule verfolgt das bemerkenswerte Konzept, ihre Studenten nicht nur in Volks-, Betriebs- und Finanzwirtschaft fit zu machen, sondern ergänzt den Lehrplan im Umfang von rund 30 Prozent mit sogenannten fachfremden Inhalten. Damit man sich darunter etwas vorstellen kann, erläutere ich das am Beispiel meiner Lehrveranstaltungen in diesem Herbst. Im Mittelpunkt wird mein neues im April erschienenes Buch „Authentizität. Von Exzentrikern, Dealern und Spielverderbern“ stehen. Das werden die Studenten vorbereitend lesen, und es wird dann Gegenstand der Diskussionen in meinen Lehrveranstaltungen in St. Gallen sein.

Es gibt weitere interessante Verpflichtungen im In- und Ausland, die ich sehr gern wahrnehme. Für Qualität, Kreativität und Originalität wissenschaftlicher Arbeit sind unterschiedliche Perspektiven und der Diskurs über Fach- und Ländergrenzen geradezu lebenswichtig.

Info:

www.hfs-berlin.de

Das Gespräch führte Michael Schäfer

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