Gemeinsam zum Erfolg
REMONDIS ist in wachsendem Maße auch international aktiv und in mehr als 30 Ländern auf vier Kontinenten präsent – hier eine von REMONDIS im Rahmen eines Joint Ventures betriebene Abwasseraufbereitungsanlage in der türkischen Millionenstadt Bursa.

Gemeinsam zum Erfolg

ÖPP im Spiegel unserer Zeit

Interview mit Ludger Rethmann, Vorstandsvorsitzender der REMONDIS SE & Co. KG

REMONDIS ist heute das größte deutsche Kreislaufwirtschaftsunternehmen und darüber hinaus auch in weiteren Bereichen der Daseinsvorsorge engagiert. Das weltweit tätige Unternehmen versteht sich als moderner Dienstleister, der große Effekte dadurch generiert, dass er gerade auf kommunaler Ebene verschiedene Facetten kommunaler Dienstleistungen effizient und nachhaltig verknüpfen kann. Ausgangspunkt des unternehmerischen Wachstums war dereinst ein kommunaler Entsorgungsauftrag, den der Großvater unseres heutigen Gesprächspartners im kleinen westfälischen Städtchen Selm gewann. Auch in den folgenden Jahrzehnten des Wachstums blieb REMONDIS stets eng an der Seite der Kommunen. Heute bestehen 44 Beteiligungen, bei denen sich REMONDIS in der Regel als Minderheitsgesellschafter in gemeinsamen Gesellschaften engagiert. Der Lüner Recycler ist damit eng in den Kommunen verankert. Umgekehrt können die beteiligten Landkreise, Städte und Gemeinden umfassend vom technologischen und betriebswirtschaftlichen Know-how des führenden deutschen Kreislaufwirtschaftsunternehmens profitieren.

Der Großteil dieser Kooperationen funktioniert seit Jahrzehnten erfolgreich und weitgehend geräuschlos zum beiderseitigen Vorteil. Wir wollen deshalb diese umfassende Expertise dazu nutzen, die Erfolgsfaktoren einer guten Partnerschaft herauszuarbeiten. Das ist einer der Inhalte des folgenden Interviews mit Ludger Rethmann, Vorstandsvorsitzender der REMONDIS SE & Co. KG.

UNTERNEHMERIN KOMMUNE:

Der Antagonismus zwischen öffentlich und privat ist ein Wesensmerkmal einer staatlich regulierten Marktwirtschaft. Dies zeigt sich insbesondere in der Daseinsvorsorge. Wie verstehen Sie dieses in den 1930er Jahren des vorigen Jahrhunderts etablierte Konzept und welche Rolle können private Unternehmen hier spielen?

Ludger Rethmann:

Daseinsvorsorge ist einem ständigen Wandel unterworfen und wird von verschiedenen Seiten ganz unterschiedlich interpretiert. Eine hilfreiche Definition ist aktuell im Gabler-Wirtschaftslexikon erschienen, doch grundsätzlich unterscheiden sich die Sichtweisen recht erheblich voneinander. Für mich steckt hinter dem Konzept die Sicherstellung der Grundbedürfnisse der Bürgerinnen und Bürger. Dazu hat der Staat die originäre Aufgabe, die Bereitstellung der erforderlichen Infrastruktur und die Erbringung eines definierten Leistungskatalogs zu gewährleisten. Die Umsetzung sollte jedoch wettbewerblich organisiert werden. Wenn der Wettbewerb unter für alle Marktteilnehmer fairen und damit gleichen Bedingungen stattfindet, können daraus erhebliche Impulse für eine kostengünstige Leistungserbringung im Sinne aller Nutzer erwachsen. Insofern rate ich zu Pragmatismus und nicht zu ideologisch motivierten Entscheidungen.

UNTERNEHMEN KOMMUNE:

Der Begriff ÖPP hingegen wurde erst in den 1990er Jahren geprägt. Seinerzeit sollten private Unternehmen der kommunalen Versorgungswirtschaft wahlweise zu einer Frischzellentherapie oder auch zu einer Rosskur verhelfen. Privates Engagement war das Mittel der Wahl, galt mithin als grundsätzlich bessere Lösung, um den Bürgern vor Ort verlässliche Dienstleistungen zu angemessenen Preisen zu bieten. Nunmehr hat sich der Wind gedreht. Vielerorts entstehen neue kommunale Gesellschaften, die bei Energie, Entsorgung oder Telekommunikation private Engagements ablösen. In Berlin, Hamburg und anderen Städten haben sich Bürgerinitiativen gegründet, die für eine möglichst vollständig kommunale Daseinsvorsorgewirtschaft plädieren. Was hat Ihrer Ansicht nach zu dieser Trendwende geführt?

Rethmann:

Die skizzierte Entwicklung lässt sich nicht übersehen, dennoch will ich darauf hinweisen, dass sich dieser Prozess nicht so umfassend vollzieht, wie es manchmal erscheinen mag. In vielen Kommunen und Regionen werden explizit andere Wege beschritten. Eine wesentliche Ursache hinter dem verstärkten wirtschaftlichen Engagement der Kommune ist sicherlich die weltweite Wirtschafts- und Finanzkrise des vergangenen Jahrzehnts. Das Ansehen der privaten Wirtschaft hat hierunter sehr gelitten, die Rufe nach „Rettung“ durch den Staat wirken bis heute nach. Hinzu kommt, dass das Pendel zwischen öffentlicher Aufgabenwahrnehmung und privatem Engagement in bestimmten Zyklen mal zur einen und mal zur anderen Seite ausschlägt. In den vergangenen Jahren war staatliches Engagement wieder en vogue. Das nach wie vor niedrige Zinsniveau auf den Kapitalmärkten begünstigt zudem die Finanzierung von Rekommunalisierungsvorhaben trotz einer vielerorts angespannten Haushaltslage. Neben diesen gesellschafts- und finanzpolitischen Faktoren muss man aber auch konstatieren, dass in der Vergangenheit zahlreiche Fehler in der Zusammenarbeit zwischen öffentlicher Hand und Privatwirtschaft gemacht wurden. Hierzu zählen vor allem Kooperations- und Privatisierungsprojekte, die allein auf Basis vertraglicher Vereinbarungen geschlossen wurden. Ich sehe solche „Vertrags-ÖPPs“ durchaus kritisch. Divergierende Zielorientierungen lassen sich nur schwerlich für den gesamten Lebenszyklus einer Infrastruktur antizipieren und vertraglich ausgleichen.

UNTERNEHMERIN KOMMUNE:

REMONDIS ist seit den 1950er Jahren kontinuierlich mit den Kommunen gewachsen, erst in der Stadt Selm, dann in Westfalen, später bundesweit und besonders aktiv im Osten Deutschlands. Viele dieser Kooperationen dauern bis heute fort, doch es fällt offenbar schwer, weitere hinzuzugewinnen. Mit welchen Mitteln wird versucht, auch neue Kommunen für REMONDIS zu begeistern und was sind die typischen Einwände, mit denen Sie dabei konfrontiert werden?

Rethmann:

Die REMONDIS-Gruppe setzt auf Öffentlich-Private Partnerschaften, die diesen Namen auch verdienen. Die Kooperation wird in einer gemeinsamen Gesellschaft institutionalisiert. REMONDIS beteiligt sich in der Regel als Minderheitsgesellschafter und bringt sein technologisches und betriebswirtschaftliches Know-how in die Gesellschaft ein. Beide Partner haben dieselben Interessen und arbeiten gemeinsam am Erfolg und der Weiterentwicklung der Gesellschaft, ein entscheidender Erfolgsfaktor.

Nach der großen Privatisierungswelle der 1990er und frühen 2000er Jahre ist es heute etwas schwieriger geworden, neue Beteiligungen zu realisieren. Dennoch lassen sich auch in der jüngsten Vergangenheit einige erfolgreiche Beispiele finden. So konnten wir mit dem Kreis Unna oder dem Landkreis Osnabrück sinnvolle Kooperationen schmieden. Einige weitere Projekte befinden sich im Ausschreibungsverfahren oder in der Projektierung.

Die zielgenaue Befassung mit den Strukturen und Herausforderungen vor Ort und die Entwicklung maßgeschneiderter Konzepte sind dabei für die privaten Unternehmen ebenso Grundvoraussetzungen, um die potentiellen kommunalen Partner überzeugen zu können, wie ein pragmatischer Austausch auf Augenhöhe. Grundsätzlich ist jede Partnerschaft anders. Die Anforderungen und Möglichkeiten vor Ort unterscheiden sich teilweise erheblich voneinander.

Sicherlich wird man hier und dort auch auf pauschale und ideologisch getriebene Ablehnung stoßen. Das war in der Vergangenheit aber nicht anders. Das Image von ÖPP in unserer Branche ist allerdings aufgrund zahlreicher positiver Beispiele sehr gut.

Zwei unterschiedliche Modelle

UNTERNEHMERIN KOMMUNE:

Nach etlichen Skandalen hat der Begriff ÖPP seinen guten Klang weitgehend eingebüßt. Betroffen waren meist Infrastrukturprojekte, die auf vertraglicher Basis für einen sogenannten Lebenszyklus von 25 bis 30 Jahren geschlossen wurden. Wo sehen Sie die Fallstricke derartiger Kooperationen und inwiefern unterscheiden sie sich von gemischtwirtschaftlichen Gesellschaften im Bereich der Daseinsvorsorge?

Rethmann:

Der Begriff Partnerschaft steht für die enge und kontinuierliche Zusammenarbeit zweier Akteure. Dieser nachhaltige Ansatz sollte im Bereich der Daseinsvorsorge im Vordergrund stehen. „Bei zahlreichen Infrastrukturprojekten ist dies aber nicht der Fall. Während die öffentliche Hand die definierte Leistung zum niedrigstmöglichen Preis einkaufen will, ist der private Partner im Interesse des eigenen Unternehmens bemüht um die Wirtschaftlichkeit des Projekts. Daraus ergibt sich ein natürliches Spannungsverhältnis, das man nicht für mehrere Jahrzehnte in vertragliche Vereinbarungen gießen kann. Schließlich findet nach Abschluss der Verträge eine wirkliche Kooperation gar nicht mehr statt. Das private Unternehmen erbringt die Leistung, der öffentliche Partner überwacht – oft nur unzureichend – die Einhaltung der Verträge. Kommuniziert wird nur das Nötigste. Juristische Auseinandersetzungen sind in solchen Konstellationen eher die Regel, denn die Ausnahme. Für mich ist das kein geeignetes Modell, um eine langfristige Kooperation zu begründen.

UNTERNEHMERIN KOMMUNE:

Die Debatte um ÖPP, Daseinsvorsorge, um öffentliches oder privates Engagement wogt seit den 1980er Jahren von einem Extrem zum anderen. Es besteht keinerlei Veranlassung, zu glauben, dass sich diese Auseinandersetzungen in absehbarer Zukunft legen werden. Letztlich geht es darum, das Eine vom Anderen möglichst sinnvoll abzugrenzen, während gleichzeitig Kooperationsräume zum beidseitigen Nutzen entstehen sollen. Haben Sie eine Idee, wie sich in diesem komplexen Geflecht an Verantwortlichkeiten, Abhängigkeiten, gesetzlichen Vorgaben und spezifischen Potentialen die Rollen der verschiedenen Partner möglichst sinnvoll zuordnen lassen?

Rethmann:

Zunächst einmal würde es helfen, wenn die Debatte weniger ideologisch und mehr pragmatisch geführt würde. Pauschale Versatzstücke wie „privat vor Staat“ oder „zurück zur Kommune“ taugen jedenfalls nicht für eine inhaltliche Auseinandersetzung. Zu den vertragsbasierten ÖPP insbesondere im Infrastrukturbereich hatte ich mich schon geäußert. Letztlich zeigt REMONDIS nun schon seit Jahrzehnten, wie es auch anders gehen kann. Unsere gemischtwirtschaftlichen Gesellschaften haben sich weitgehend bewährt. Die Resonanz in den beteiligten Kommunen ist überwiegend sehr positiv. Letztlich wird es keine universell anwendbare Schablone für ein gedeihliches Zusammenwirken geben können. Zu unterschiedlich sind die konkreten Rahmenbedingungen vor Ort. Die Konstellation einer kommunalen Mehrheit auf der einen und einer signifikanten REMONDIS-Beteiligung auf der anderen Seite ist statistisch überdurchschnittlich erfolgreich. Das funktioniert dann besonders gut, wenn wir in der Lage sind, unser Know-how einzubringen und betriebswirtschaftlich Verantwortung zu tragen. Weiterhin muss es, wie erwähnt, eine gute Vertrauensebene geben. Da hilft uns, dass wir ein inhabergeführtes Familienunternehmen sind und keine anonyme Publikumsgesellschaft.

UNTERNEHMERIN KOMMUNE:

Welche Bereiche der Daseinsvorsorge halten sie grundsätzlich für liberalisierbar, um sie für einen Wettbewerb im Markt oder einen solchen um den Markt zu öffnen? Und welche Facetten sollten hingegen in der Hoheit der Kommune verbleiben?

Rethmann:

Ich sehe wenige Gründe dafür, warum sich einzelne Bereiche der Daseinsvorsorge nicht für den Wettbewerb öffnen sollten. In den Sektoren Abfallentsorgung, Abwasserentsorgung, Trinkwasserversorgung, ÖPNV, Energiewirtschaft oder im Gesundheitsbereich arbeiten heute bereits viele private Unternehmen täglich zum Wohl der Bürgerinnen und Bürger. Erfolgsfaktor ist in diesem Zusammenhang die Gestaltung eines individuellen Gesamtpakets für die Situation vor Ort. Grundsätzlich sollte die öffentliche Hand das Eigentum an Straßen, Kanälen oder Netzen etc. nicht vollständig aufgeben. Die Beteiligung eines strategischen Partners am Eigentum kann aber durchaus sinnvoll sein. Auch muss die Öffentliche Hand nicht jede Leistung zwangsläufig selbst erbringen. Oftmals wird es wirtschaftlich sinnvoller sein, klare Kriterien für den Betrieb der kommunalen Infrastruktur und für die Erbringung von Leistungen zu formulieren. Man sollte die Einhaltung dieser Vorgaben dann aber auch kontrollieren können und wollen. Es helfen keine zehntausende Seiten starken Vertragswerke, wenn kein Interesse oder keine Kompetenz für eine Kontrolle der definierten Leistung besteht. Die Leistungsdurchführung selbst darf nicht mehr automatisch bei der öffentlichen Hand liegen. Dafür haben wir in Deutschland einen funktionierenden Wettbewerb um die effizienteste, und damit meine ich nicht die billigste, Lösung. Diesem Wettbewerb müssen sich dann öffentliche, private aber eben auch gemischtwirtschaftliche Unternehmen stellen.

UNTERNEHMERIN KOMMUNE:

REMONDIS besitzt eine langjährige Expertise bei kommunal-privaten Partnerschaften. Ist es Ihnen möglich, daraus eine Optimalkonstellation zu destillieren, die eine lange und fruchtbare Partnerschaft besonders wahrscheinlich werden lassen? Wo liegen die Erfolgsdeterminanten für gute gemischtwirtschaftliche Gesellschaften?

Rethmann:

Keine Kommune ist wie die andere. Damit sind auch die Voraussetzungen und Anforderungen an die Zusammenarbeit überall anders. Grundsätzlich ist eine Kommunikation auf Augenhöhe die Grundlage einer jeden funktionierenden Partnerschaft. Bei einer gemischtwirtschaftlichen Gesellschaft besteht ein gemeinsames Interesse für transparente Strukturen und für deren ständige Optimierung. Sowohl die öffentliche Hand als auch der private Partner bringen sich aktiv ein. Die Entscheidungsfindung zwischen den Partnern ist geprägt von einem langfristig-wirtschaftlichen Ansatz. Kurzfristige Dividendensteigerungen spielen dagegen keine besondere Rolle, sind meiner Meinung nach einer gedeihlichen unternehmerischen Entwicklung sogar abträglich. Hier komme ich wieder auf unsere Eigenschaft als Familienunternehmen: Wir wollen langfristig erfolgreich sein. Anders als ein börsennotiertes Unternehmen ist mir und meinen Brüdern ein Quartalsergebnis ziemlich egal, so dass wir keine Zwänge haben, schnelles Geld zu verdienen. Wir können auch mal warten. Insofern passt unsere Eigentümerstruktur gut zu ÖPP. Rechnen muss es sich am Ende natürlich trotzdem.

Wettbewerb und Kooperation

UNTERNEHMERIN KOMMUNE.

Die Entsorgung ist nach wie vor das Kerngeschäft von REMONDIS und gleichzeitig eine kommunale Kernaufgabe. Wie können kommunale Partner vom Know-how Ihres Unternehmens profitieren?

Rethmann:

REMONDIS erbringt für zahlreiche Kommunen Tag für Tag Leistungen, nicht nur im Bereich der Entsorgung. Unsere Partner können auf eine umfassende Expertise und ausgeprägte operative Erfahrung vertrauen. Dies hilft vor allem dann, wenn sich besondere Probleme oder Herausforderungen stellen; so etwa bei gesetzlichen Neuerungen, an die sich die Kommunen mit ihren Strukturen anpassen müssen. Schnelle Entscheidungswege sowie die Einhaltung einmal getroffener Zusagen sind für uns die Voraussetzung für ein erfolgreiches Geschäft. Auf diese Weise entwickeln wir innovative Produkte und Dienstleistungen, die uns bis heute ein erfolgreiches Wachstum im Markt beschert haben. Wir bieten diese technologischen und betriebswirtschaftlichen Lösungen auch den Kommunen an und wollen mit ihnen wachsen. So können kommunale Partner beispielsweise von einer klimaneutralen Abfallabfuhr durch den Einsatz Biogas-betriebener Fahrzeuge profitieren. Wenn wir ein patentiertes Verfahren für Phosphorrecycling aus Klärschlammasche entwickeln, ist das für viele unserer Partner interessant. Da potenziert sich unsere Innovationskraft. Und das sind nur zwei Beispiele.

UNTERNEHMERIN KOMMUNE:

Im Vergleich zu anderen Sparten der Daseinsvorsorge herrscht im Bereich Entsorgung ein recht reger Wettbewerb. Im September dieses Jahres haben Sie jedoch den Kauf der DSD – Deutschland, des größten dualen Systems hierzulande, unter Dach und Fach gebracht. Insbesondere der VKU hat sich sehr kritisch dazu geäußert. Mit welchen Argumenten können Sie ihren kommunalen Partnern die Angst vor einer allzu großen Marktdominanz nehmen?

Rethmann:

Der von Ihnen konstatierte „rege Entsorgungs-Wettbewerb“ herrscht leider nur zwischen privaten Marktteilnehmern, die im Rahmen von Ausschreibungen um jeden Auftrag konkurrieren müssen. Die kommunalen Marktteilnehmer hingegen erhalten ihre hoheitlichen Aufträge über die sogenannte Inhouse-Vergabe, ohne Wettbewerb und weitestgehend ohne Transparenz für den Bürger.

REMONDIS ist von einer dominierenden Stellung auf dem deutschen Entsorgungsmarkt weit entfernt. Jeder Zukauf wird ab einer gewissen Größenordnung vom Kartellamt geprüft Dies gilt auch für die Übernahme der DSD GmbH. In den vergangenen Jahren hat unser Wachstum keine kartellrechtlichen Einsprüche erfahren und wir sind zuversichtlich, dass das auch in diesem Falle so sein wird. Nachdem wir unser eigenes duales System „EKO-PUNKT“ im Jahre 2014 abgemeldet haben, wollen wir mit der DSD GmbH den Wiedereinstieg in den konsolidierten Markt schaffen. Insgesamt erhoffen wir uns vor dem Hintergrund des neuen Verpackungsgesetzes eine Stärkung des Verpackungsrecyclings.

Der Wettbewerb wird auch in Zukunft gesichert sein. Dafür wird u.a. die neu geschaffene „Zentrale Stelle“ sorgen. Ausschreibungsverfahren zur Erfassung von Leichtverpackungen und Glas werden anonymisiert von einem Treuhänder durchgeführt. Die dualen Systeme erhalten keinen Einblick in die Kalkulationsdaten und sehen nur den Bestbieter. Somit entbehren die kritischen Äußerungen aus dem VKU und dem Bundesverband Sekundärrohstoffe und Entsorgung (bvse) jeglicher Grundlage.

UNTERNEHMERIN KOMMUNE:

Die aktuelle Welle der Rekommunalisierung geht einher mit einem eigentlich widersprüchlichen Gegentrend. Seit Jahren gründen sich in den Bereichen Energie, Telekommunikation oder Entsorgung etliche Klein- und Kleinstunternehmen kommunaler Provenienz. Hintergrund ist die durch Energiewende auf positive und die Bankenkrise auf negative Art und Weise befeuerte Kommunalisierungseuphorie. Die betreffenden Kommunen versprechen sich einige spärliche Monopolgewinne und ein Mehr an Gestaltungshoheit. Doch inwiefern taugen solch singuläre Lösungen als Antwort auf die Anpassungszwänge des demografischen Wandels? Welche Angebote kann REMONDIS dabei leisten, die Interessen kleinerer Kommunen im Rahmen einer gemeinsamen Plattform zu vereinigen? Derartige Modelle haben sich im Bereich Energie ja bereits etabliert.

Rethmann:

Ein Aspekt des demografischen Wandels ist die weitere Ausprägung regionaler Disparitäten. So ergeben sich in den ländlichen Räumen deutlich andere Herausforderungen als in den großen Metropolregionen. In den neuen Bundesländern, wo REMONDIS sich stark engagiert, stellen sich die entsprechenden Fragestellungen mit besonderer Vehemenz. Grundsätzlich sind alle Bereiche der kommunalen Daseinsvorsorge betroffen.

Wenn spezifische Leistungen mit erheblichen Investitionen verbunden sind, ergibt sich ein entsprechend hoher Fixkostenanteil. Negative Veränderungen in Struktur und Zahl der Bevölkerung wirken sich hier besonders gravierend aus – und zwar im Sinne deutlich steigender Pro-Kopf-Belastungen, die wiederum die Attraktivität der Orte und Regionen massiv mindern und somit einen Teufelskreis in Gang setzen. Die Lösung kann nur sein, kleinteilige Lösungen zu vermeiden und Kooperationen zu suchen. Unsere Unternehmensgruppe bietet dafür zahlreiche Ansätze. So ergibt sich aus der gesetzlich vorgeschriebenen separaten Sammlung von Bioabfällen die Notwendigkeit zur Schaffung neuer Anlagen zur Verwertung dieser Abfälle. Hier ist es aus unserer Sicht nicht zielführend, wenn jede Kommune ihre eigene Anlage baut und betreibt. In größeren Netzwerken lassen sich noch erhebliche Synergien realisieren. Die umfassende regionale Präsenz von REMONDIS bietet hierfür eine ausgezeichnete Grundlage.

Die Wende zur Nachhaltigkeit

UNTERNEHMERIN KOMMUNE:

Ressourceneffizienz und Nachhaltigkeit geraten für die Kommunen zunehmend in die Rolle eines ökologischen Imperativs. Im Sinn der globalen Klimainitiativen ist es ja auch nachvollziehbar, dass die Wende hin zu einer verantwortungsvollen Klimapolitik in den kleinsten Einheiten menschlicher Gemeinschaft einsetzt. Welche Angebote kann REMONDIS hier am Schnittpunkt gemeinschaftlicher Verantwortung und betriebswirtschaftlicher Effizienz den Kommunen unterbreiten?

Rethmann:

Als Recyclingunternehmen setzt sich die REMONDIS-Gruppe qua Unternehmenszweck für Umwelt- und Klimaschutz ein. Jeder Recyclingprozess führt zu einer Einsparung primärer Rohstoffe; ermöglicht es, Flächenverbrauch, Energieverbrauch und Emissionen zu reduzieren. Davon profitiert nicht nur das Klima, sondern jeder Mensch vor Ort.

Nachhaltigkeit bedeutet für unser Familienunternehmen aber auch, dass ökologische, ökonomische und gesellschaftliche Verantwortung eng miteinander verknüpft sind. Der überwiegende Anteil unserer Unternehmensgewinne verbleibt im Unternehmen und wird für Investitionen in die Zukunft verwendet. Wir bieten über 32.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern einen sicheren Arbeitsplatz, auch und gerade in strukturschwächeren Regionen. Unser lokal ausgerichtetes Einkaufsverhalten sorgt darüber hinaus dafür, dass die regionale Wirtschaft gestärkt und somit Kaufkraft und Wertschöpfung vor Ort geschaffen werden. Ausbildung gehört für uns genauso zum Selbstverständnis wie das Engagement in diversen Bildungsprojekten für eine bessere Umwelterziehung. All das sind Unternehmensgrundsätze, von denen auch unsere kommunalen Partner profitieren.

UNTERNEHMERIN KOMMUNE:

Könnten Sie uns in diesem Zusammenhang auch einen Überblick zu den internationalen Aktivitäten des Unternehmens und zu deren ökologischen Implikationen geben?

Rethmann:

Unsere Unternehmensgruppe ist in weltweit mehr als 30 Ländern aktiv. Auch für diese Engagements gelten die vorgenannten Punkte. Im Vordergrund steht unser Beitrag zur Verbesserung der Umweltbedingungen und damit der Lebensverhältnisse vor Ort. Exemplarisch nennen lassen sich Projekte zur Wasserver- und Abwasserentsorgung in Indien oder auch die Einführung von getrennten Sammlungssystemen in Weißrussland.

UNTERNEHMERIN KOMMUNE:

Der demografische Wandel ist ein weiterer Megatrend, dem sich die Kommunen anpassen müssen. Dies gilt insbesondere für die weiten ländlichen Gebiete der Neuen Bundesländer, in denen wiederum REMONDIS besonders aktiv ist. Welche Lösungen werden in Ihrem Unternehmen entwickelt, um Daseinsvorsorge bei immer geringer werdenden Siedlungsdichten effizient zu organisieren? Und ist es Ihrer Ansicht nach nicht auch an der Zeit, die Standards der Leistungserbringung und die spezifische Regulierung ins Blickfeld zu rücken?

Rethmann:

Die neuen Bundesländer haben schon vor Jahren Wandlungsprozesse durchlaufen, die nun auf weite Regionen des Alt-Bundesgebiets zukommen. Sie sind somit gezwungenermaßen die Avantgarde des demografischen Wandels. Hier wird getestet, was sich später vielleicht auch anderswo bewährt. In vielen Kooperationen mit Kommunen vor Ort haben wir Konzepte entwickelt, wie wir die Produktivität stärken und Synergien heben können. Doch diese Potentiale sind begrenzt. Und so stellt sich automatisch die Frage, wie unter sich deutlich verschlechternden Rahmenbedingungen eine gleichbleibend hohe Versorgungsqualität aufrechterhalten werden kann. Digitale Anwendungen können womöglich einen gewissen Ausgleich leisten, doch in letzter Konsequenz müssen auch die Standards hinterfragt werden. Grundsätzlich sollte jede Regulierung in regelmäßigen Abständen auf ihren tatsächlichen Nutzwert überprüft werden. Das wäre schon einmal ein guter Anfang.

Ein aktueller Debattenbeitrag

UNTERNEHMERIN KOMMUNE:

REMONDIS ist ein sehr erfolgreiches privatwirtschaftliches Unternehmen, welches sich vornehmlich in den Sparten der Daseinsvorsorge engagiert. Es erscheint nachvollziehbar, dass die eine oder andere Kommune diese Wettbewerbssituation auch kritisch sieht. Hier heißt es dann, dass eine gemeinwohlorientierte Versorgungswirtschaft besser aus der öffentlichen Hand und zu deren Nutzen bzw. dem der Allgemeinheit erfolgen soll. Andererseits agieren jedoch auch öffentliche Unternehmen in einer privatwirtschaftlichen Logik. Interessant erscheint diesbezüglich ein Vergleich mit der Deutschen Bahn AG, mit der sie insbesondere im Güterverkehr recht intensiv konkurrieren. Wie beurteilen Sie den liberalisierten Wettbewerb zwischen Unternehmen in öffentlicher und solchen in privater Hand?

Rethmann:

Das Prinzip der Sozialen Marktwirtschaft setzt auf einen klar regulierten Wettbewerb. Das ist auch mein Selbstverständnis.

Die Schaffung und Sicherstellung gleicher Wettbewerbsbedingungen ist die Aufgabe des Schiedsrichters, also des Staates. Dass der Schiedsrichter dabei selbst nicht mitspielen und sich auch nicht auf eine Seite schlagen sollte, ist im Sport eine Selbstverständlichkeit, in einigen Bereichen der Daseinsvorsorge leider noch nicht. Direktvergaben im ÖPNV sowie Inhouse-Vergaben von hoheitlichen Entsorgungsleistungen verhindern einen fairen Wettbewerb und tragen dazu bei, mögliche Effizienzpotentiale brachliegen zu lassen.

UNTERNEHMERIN KOMMUNE:

REMONDIS ist aus einer kleinen Spedition im westfälischen Selm erwachsen, seitdem kontinuierlich gewachsen, doch nach wie vor eng mit der Region verbunden. Es ist ein klassisches Familienunternehmen, das sich in dieser Verfassung auch für die Zukunft aufstellt. Wie wahrscheinlich ist es, dass diese Konstellation auch mittelfristig erhalten bleibt? Und wie unterscheidet sich eine aus Streubesitz generierte globale Aktiengesellschaft von einem eigentümergeführten Unternehmen?

Rethmann:

REMONDIS ist als Teil der Rethmann-Gruppe fest in der Tradition eines Familienunternehmens verankert. Auch und gerade im Vergleich zu globalen Aktiengesellschaften werden hier langfristige Entwicklungen deutlich stärker gewichtet. Das unterscheidet uns von börsennotierten Konzernen, deren Entscheidungen in der Regel von der durchschnittlichen Vertragsdauer von Vorständen und vor allem von den kurzfristigen Renditeerwartungen der Aktionäre geprägt sind. Unser Entscheidungshorizont erstreckt sich über Generationen. Das verleiht dem Unternehmen eine hohe Stabilität und Planungssicherheit. Das Bekenntnis zu einem nachhaltigen Wachstum ist eines der wenigen Dogmen in unserem Unternehmen.

UNTERNEHMERIN KOMMUNE:

Zusammen mit Prof. Dr. Michael Schäfer, bis zum Ruhestand im März 2018 Professor für Kommunalwirtschaft an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde, planen Sie für das Jahr 2019 einen eigenen Debattenbeitrag zum Thema Kommunalwirtschaft und ÖPP. Auf was können wir uns da freuen und welche Impulse haben Sie zu diesem Engagement veranlasst?

Rethmann:

Die Leser können sich vor allem auf eines freuen: auf eine sachliche, aber auch kritische Auseinandersetzung mit der Daseinsvorsorge und mit öffentlich-privaten Partnerschaften. Ideologische Versatzstücke werden sie dabei genauso wenig zu lesen bekommen wie eine einseitig gefärbte Argumentation.

Triebfeder dieses Engagements war genau dies. Die noch immer ideologisch überfrachtete Debatte zum Verhältnis von privat und Staat. Dabei zeigt uns die Praxis, dass die Symbiose aus beidem sehr wohl funktionieren kann und auch funktioniert. Öffentlich-private Partnerschaften können eine Form der Leistungserbringung sein, die die Stärken der öffentlichen Hand und der privaten Wirtschaft optimal kombiniert. Allerdings, und das muss konstatiert werden, nur dann, wenn beide Partner am Erfolg aktiv mitwirken und einige Grundvoraussetzungen erfüllt sind. Ich will aber auch nicht zu viel verraten, denn die Lektüre soll sich ja noch lohnen.

Info:
www.remondis.de

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