Familienunternehmen – Auslaufmodell oder Erfolgstyp?
Familienunternehmen – Auslaufmodell oder Erfolgstyp?

Familienunternehmen – Auslaufmodell oder Erfolgstyp?

Vorab. Eine wirklich befriedigende Antwort auf die im Titel des vorliegenden Buches gestellte Frage habe ich nach gründlichem Lesen nicht gefunden. Ja, das ist eine fundamentale Kritik. Aber nur auf den ersten Blick. Im zweiten Satz schränke ich ein, dass es die Antwort vermutlich gar nicht geben kann. Denn Familienunternehmen, das habe ich nach der Lektüre der gut 300 Seiten zum ersten Mal richtig verstanden, sind eben keine solitäre Säule unseres Wirtschaftssystems. Aber als solche werden sie mehrheitlich wahrgenommen: nicht zuletzt wegen ihres sympathischen Images. Und deshalb gut gelitten als der eine Pol einer Ökonomie, die zur anderen Seite von den „Heuschrecken“ begrenzt wird.

Die sinnliche Wahrnehmung ist aber nicht die Realität. In jener aber existieren die Familienunternehmen als integraler Bestandteil der kapitalistischen Produktionsweise, und hier wiederum in der Bandbreite vom Handwerksbetrieb, in dem Vater und Sohn Heizungen bauen und reparieren und die Mutter die Buchhaltung schmeißt, bis hin zum weltweit tätigen Großkonzern. Weil das so unendlich vielfältig und auch widersprüchlich ist, bieten uns die Autoren eine „Definition“ an, die abstrakter nicht sein könnte und die sich zudem der fragwürdigen Methode bedient, Dinge mit sich selbst zu erklären. Also wie folgt: „Wir sprechen dann von einem Familienunternehmen, wenn sich eine Wirtschaftsorganisation im Eigentum einer Familie oder eines Familienverbandes befindet und diese deshalb einen bestimmenden unternehmerischen Einfluss auf die Entwicklung des Unternehmens nehmen kann.“ (S. 7) Ich habe das noch kürzer formuliert: Ein Familienunternehmen ist ein Unternehmen, das einer Familie gehört. Jetzt verstehen Sie, warum ich Definition in Anführungszeichen gesetzt habe!

Von einem Buch, das mit dem hohen Selbstverständnis eines Standardwerkes daherkommt, hätte ich an dieser und etlichen anderen Stellen mehr wissenschaftliche Akribie erwartet. Abstrahiert man von diesem Anspruch, erfährt man allerlei Wissenswertes über eine Eigentumsform, mit der jedermann zumindest in Gestalt des braven Handwerksmeisters tagtäglich zu tun hat. Da menschelt es, und zumeist sogar in der sympathischen Version.

Der federführende Autor, Rudolf Wimmer, seines Zeichens Professor am Lehrstuhl für Führung und Organisation des Instituts für Familienunternehmen der privaten Universität Witten/Herdecke, lässt uns im vorliegenden Band gleich alle Vorworte zu den bisherigen drei Auflagen des Werkes nachlesen. Ich verstehe natürlich seine Freude an einem sich gut verkaufenden Werk. Erkenntnisgewinn brachte mir die Vorwortlektüre aber nicht.

Ich vermute, das Buch erfährt irgendwann eine Auflage vier. Für diesen Fall schlage ich (unter anderem) die Befassung mit folgenden Inhalten vor:  Qualitative und quantitative Typologie von Familienunternehmen; Korrelationen zwischen Unternehmensgröße und Gegenständen der wirtschaftlichen Betätigung; Einordnung des Typus Familienunternehmen in die Eigentumsstruktur unseres derzeitigen Wirtschaftssystems; Antwort auf die Frage nach einem spezifischen Wertekanon von Familienunternehmen (und da es das Familienunternehmen – siehe oben – nicht gibt, auch eine Differenzierung nach Größen und Unternehmensgegenständen; eine vergleichende Gegenüberstellung zwischen den beiden zentralen Management-Kategorien: Kongruenz Eigentümer – Manager und Inkongruenz.

Diese Vorschläge illustrieren meine grundlegende Kritik: Wer ein „Standardwerk“ zum Thema Familienunternehmen vorlegen will, der muss diesen Unternehmenstypus in einen gesamtwirtschaftlichen, gesellschaftspolitischen und ethischen Kontext stellen, und er muss nach dessen Einordnung in unser kapitalistisches Wirtschaftssystem die (eventuellen) Angrenzungen und Differenzierungen z.B. zu am Kapitalmarkt platzierten Unternehmen, Genossenschaften, frei-gemeinnützigen Einrichtungen und nicht zuletzt auch zur öffentlichen Wirtschaft zeigen. Das hat das Team um Rudolf Wimmer alles noch vor sich.

Rudolf Wimmer / Ernst Domayer / Margit Oswald / Gudrun Vater: Familienunternehmen – Auslaufmodell oder Erfolgstyp?

Springer Gabler
3. überarbeitete Auflage 2018
ISBN 978-3-8349-4722-2
www.springer-gabler.de

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