„Es geht um die Bewahrung unserer natürlichen Grundlagen“

„Es geht um die Bewahrung unserer natürlichen Grundlagen“

Marx, Engels und Papst Franziskus – gleichlautende Voten aus unterschiedlichen Richtungen:

Interview mit Dr. Gerald Hubmann, Sekretär der Internationalen Marx-Engels-Stiftung (IMES) und Arbeitsstellenleiter der Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA) an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften

Karl Marx, Friedrich Engels, Papst Franziskus. Das sind Namen, die wohl keiner im Umfeld des Themas Öffentlich-Private Partnerschaften vermutet. Auch in den Dutzenden von Büchern, die der Interviewer zu diesem Kooperationsmodell ausgewertet hat, sind ihm weder die beiden großen Philosophen und Ökonomen, noch das charismatische katholische Kirchenoberhaupt begegnet. Das mag in erster Linie daran liegen, dass sich fast alle Autoren vorwiegend aus juristischen Perspektiven mit dem Gegenstand befasst haben. Aber auch der prominenteste ÖPP-Kritiker, Werner Rügemer, hat – wir haben die Bibliografien in seinen zahlreichen Büchern genau angeschaut – bei Marx, Engels und dem Heiligen Vater nicht nachgeschlagen. Das hätte eigentlich nahe gelegen, den Rügemer untersucht ÖPP im direkten Kontext mit unserem kapitalistischen Wirtschafts- und Gesellschaftssystem und sieht darin in erster Linie ein Modell zur Profitmaximierung des Kapitals. Das  belegt er an vielen Beispielen und zeigt, dass dies zum Schaden der öffentlichen Hand und letztlich der Bürger geschieht.

Auf Marx ist der Verfasser dieses Vorspanns nicht gekommen, weil wir in diesem Jahr den 200. Geburtstag des genialen Denkers begehen und auch nicht, weil er beim Schreiben dieser Zeilen auf die 40bändige Ausgabe der Marx-Engels-Werke (MEW) – wenn man so will eine Art Vorläufer der MEGA – in seinem Bücherschrank schaut. Der Grund liegt vielmehr darin, dass er zusammen mit einem weiteren Autor mit dem Schreiben eines Buches befasst ist, das Öffentlich-private Partnerschaften erstmals auch für den Bereich der existentiellen Daseinsvorsorge untersucht. Mit diesem Fokus muss man auf Begriffe wie Schöpfung, Umweltschutz oder natürliche Güter kommen und schlussfolgern, dass Daseinsvorsorge und Profitmaximierung unvereinbare Zielkategorien sind. Und Dank der modernen IT-gestützten Recherchemethoden (deren Segen weiß jemand wie ich, der nach Büchern noch in den Karteikästen der Deutschen Bücherei in Leipzig gesucht hat, mehr als zu schätzen) kommt man auf das Kapital und viele andere Schriften aus der Feder von Marx und Engels, und man findet auch die Enzyklika „Laudato si“ von Papst Franziskus.

Beim Lesen fielen uns bemerkenswerte Ähnlichkeiten in den Betrachtungen der beiden atheistischen Denker und des katholischen Papstes auf. Dieses für uns nicht erwartete Phänomen wollten wir ergründen. Dafür aber erwiesen sich unsere eher marginalen Kenntnisse zum Werk von Marx und Engels und dessen Genesis als unüberwindbares Hindernis. An dieser Stelle fiel uns das Jahrhundertprojekt Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA) ein. Dort musste es Wissenschaftler geben, die das Schrifttum nicht nur in der Tiefe, sondern auch in seinem Kontext und aus der Draufsicht kennen.

Dr. Gerald Hubmann, er ist bei der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften Leiter und Koordinator dieser weltweit beachteten und geschätzten Edition, steht für den von erhofften Wissenschaftler-Typus. Und er war zum Glück auch bereit, sich nicht nur unseren Fragen, sondern vor allem unserer wissenschaftlichen Neugier zu stellen.

UNTERNEHMERIN KOMMUNE:

„Selbst eine ganze Gesellschaft, eine Nation, ja alle gleichzeitigen Gesellschaften zusammengenommen, sind nicht Eigentümer der Erde. Sie sind nur ihre Besitzer, ihre Nutznießer, und haben sie als boni patres familias den nachfolgenden Generationen verbessert zu hinterlassen.“ (Marx: Das Kapital, Band III S. 784 (MEW).)

„Wir sind nicht Gott. Die Erde war schon vor uns da und ist uns gegeben worden. Das gestattet, auf eine Beschuldigung gegenüber dem jüdisch-christlichen Denken zu antworten: Man hat gesagt, seit dem Bericht der Genesis, der einlädt, sich die Erde zu „unterwerfen, werde die wilde Ausbeutung der Natur begünstigt durch die Darstellung des Menschen als herrschend und destruktiv. Das ist keine korrekte Interpretation der Bibel, wie die Kirche sie versteht. Denn dem Herrn gehört die Erde. Darum lehnt Gott jeden Anspruch auf absolutes Eigentum ab: Das Land darf nicht endgültig verkauft werden; denn das Land gehört mir, und ihr seid nur Fremde und Halbbürger bei mir. Darum reicht es nicht mehr zu sagen, dass wir uns um die zukünftigen Generationen sorgen müssen. Wir müssen uns bewusst werden, dass unsere eigene Würde auf dem Spiel steht. Wir sind die Ersten, die daran interessiert sind, der Menschheit, die nach uns kommen wird, einen bewohnbaren Planeten zu hinterlassen.

(Papst Franziskus: Thesen 69 und 160 aus der 2015 erschienenen Enzyklika „Laudato si“)

Herr Dr. Hubmann, mit diesen beiden Zitaten von Karl Marx und Papst Franziskus verbinden wir die Frage „wie nah ist Karl Marx der Bibel“ und „könnte es sein, dass Franziskus auch bei Marx nachgelesen hat?

Dr. Hubmann:

Obgleich sie sich im Ergebnis – Bewahrung der natürlichen Grundlagen – treffen, kommen beide doch aus verschiedenen Richtungen: Bei Franziskus ist der göttliche Auftrag grundlegend, bei Marx ist es der soziale Impuls. Marx kommt ja, wie er später einmal geschrieben hat, durch seine journalistische Berichterstattung über die Armut der Moselbauern und die Holzdiebstahlgesetzgebung (Kriminalisierung des Raffholzsammelns) zur Fokussierung auf die soziale Frage. So ähnlich geschehen bei Engels, durch sein berühmtes Buch „Zur Lage der arbeitenden Klasse“. In diesem Zusammenhang fällt dann der Blick darauf, dass nicht nur der Arbeiter, seine Gesundheit und sein soziales Umfeld durch den ungezügelten Kapitalismus ausgebeutet, geschädigt und letztlich zerstört werden, sondern dass dies ebenso für die natürlichen Lebensgrundlagen gilt. Dabei wird Marx überaus konkret, er prangert nicht nur den Raubbau an Boden und Gewässerverschmutzung an, sondern es finden sich bereits Passagen, in denen etwa Tierschutz Thema wird.

Ich möchte aber noch auf einen, wir mir scheint, nicht unbedeutenden Unterschied in den Äußerungen von Marx und Franziskus aufmerksam machen: Während nämlich Franziskus geradezu beschwörend von unserer Verpflichtung spricht, einen bewohnbaren Planten zu hinterlassen, spricht Marx noch davon, dass die Erde den nachfolgenden Generationen „verbessert“ überlassen werden soll. Während also bei Marx noch ein Fortschritts-Optimismus des Aufklärungsdenkens zum Ausdruck kommt, scheint die Enzyklika ein Indikator für eine dramatisch verschlechterte Situation zu sein.

Sozialwissenschaftliche Begründungen für Umweltschutz

UNTERNEHMERIN KOMMUNE:

Karl Marx kommt aus einer jüdischen Familie, die später zum Protestantismus konvertierte. Wir wollen seine grundsätzliche Bewertung von Religion hier nicht zum Thema machen, sondern fragen, wie sich die zweifelsfrei vorhandenen christlich-jüdischen Prägungen im Marx‘schen Werk manifestieren?

Dr. Hubmann:

In der Tat entstammt Marx der jüdisch-christlichen, und damit auch der humanistischen Tradition; immerhin hat er über griechische Philosophie promoviert, in griechischer Sprache. Bereits früh aber führt ihn die soziale Motivation, die sein Denken trägt, zu einer fundamentalen Kritik an der Religion – insofern lässt sich seine grundsätzliche Bewertung von Religion nicht von seinem Werk trennen. Wichtiges Anliegen der frühen Werke ist eben eine grundsätzliche Kritik an der Religion, sie galt ihm als Ideologie, als die Projektion des besseren Lebens ins Jenseits, sie ist, um es mit dem bekannten Zitat zu sagen, das „Opium des Volks“. Diese Auffassung findet sich übrigens nicht exklusiv bei Marx. Bei Heine etwa gibt es ganz ähnliche Äußerungen. Später, 1875, in seiner Kritik am Gothaer Programm, hat er gesagt, dass die Religion verschwinden werde „in dem Maße, wie der Sozialismus erstarkt“, also das soziale Elend überwunden sei

Und das letztere heißt für ihn, wie er im Kapital sagt, dass im „praktischen Werkeltagsleben“ die „Menschen tagtäglich durchsichtig vernünftige Beziehungen zueinander und zur Natur“ eingehen“ und der gesellschaftliche Lebens- und materielle Produktionsprozess „als Produkt frei vergesellschafteter Menschen unter deren bewusster planmäßiger Kontrolle steht“.

Unter solchen vernünftigen Verhältnissen also, so glaubte Marx, würde Religion obsolet werden.

Andererseits aber, und darauf möchte ich hier noch hinweisen, ist das Kapital voll von religiöser Metaphorik und religiösen Analogien. Das ist deshalb so, weil für Marx vieles am und im Kapitalismus (pseudo-)religiöse Formen annimmt. Beispielsweise wird die Ware zum Fetisch, wie er im berühmten Kapitel zum „Fetischcharakter der Ware“ im Kapital herausarbeitet.

UNTERNEHMERIN KOMMUNE:

Wir sind bei der Befassung mit Öffentlich-privaten Partnerschaften über Begriffe wie Daseinsvorsorge, Schöpfung, Umweltschutz und Natur zu Marx gekommen. Welche grundlegenden Positionen vertritt er, vertritt auch Friedrich Engels zum Rang der Natur in der kapitalistischen Produktionsweise und welche Positionen zum Umweltschutz im weitesten Sinne leiten Sie daraus ab?

Dr. Hubmann:

Zentrales Anliegen von Marx und auch von Engels ist die Gesellschaftsanalyse und –kritik. Für die deutsche, stark philosophielastige und idealistisch geprägte Tradition ist ungewöhnlich, dass beide von Beginn an stark sozialwissenschaftlich orientiert sind. Marx diskutiert bereits in seinen ersten journalistischen Artikeln, zunächst unter Rechtsaspekten, Fragen der Armut und ihrer Ursachen. Engels legt mit der Lage der arbeitenden Klassen eine auf Untersuchungsberichten und eigner Anschauung (eineinhalb Jahre in Manchester) basierende umfassend Untersuchung vor – die übrigens Marx stark beeindruckt hat: so müsse man arbeiten, mit konkreten Material und empirischen Daten, nicht mit allgemeinen philosophischen Reflexionen.

In diesem Sinne formuliert Marx seinen „kategorischen Imperativ, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“.

Dieser Weg führt Marx schließlich zum Kapital als einer Kritik an der politischen Ökonomie. Die Ökonomie seiner Zeit ist für ihn deshalb kritikwürdig, weil sie nur das untersucht und legitimiert, was ohnehin stattfindet: Nämlich die Reproduktion struktureller Ungleichheit im Kapitalismus. Marx möchte mit seiner Analyse den dahinterstehenden Mechanismus offen legen, und wir alle wissen, dass er ihn in einer Übervorteilung des Mehrwert produzierenden Arbeiters durch die Produktionsmittelbesitzenden Kapitalisten sieht. Die dramatischen Folgen von Profitmaximierung einerseits und Ausbeutung andererseits schildert Marx umfassend anhand von erschütterndem empirischen Material. Es ist also so, dass Marx zunächst keineswegs den Natur- und Umweltschutz im Fokus hat, sondern die soziale Gerechtigkeit und Elendsbekämpfung. Interessant ist aber, dass ihm dabei schon bald deutlich wird, dass die Ausbeutung sich eben nicht nur auf den Menschen bezieht, sondern ebenso auch die Natur betrifft: „Und jeder Fortschritt der kap. Agrikultur ist nicht nur ein Fortschritt in der Kunst den Arbeiter, sondern zugleich in der Kunst, den Boden zu berauben. [Damit untergräbt sie] zugleich die Springquellen allen Reichtums: Die Erde und den Arbeiter.“

Umwelt und Nachhaltigkeitsfragen kommen also vermittelt über die soziale Frage in das Blickfeld von Marx. Am Anfang ist er noch optimistisch, dass sich über den rationalen Einsatz von Wissenschaft und Technik die Ressourcen-Problematik lösen lasse.

Später aber finden sich immer mehr Beispiele, die zeigen, dass das kapitalistische Prinzip der kurzfristigen Profitmaximierung Schäden anrichtet: So diskutiert er das Beispiel des Waldes, dessen lange Regenerationszeiten dem kapitalistischen Verwertungszyklus entgegenstünden. Aber auch die neue „agricultural machinery“ mit ihrer industriellen Fleischhaltung führe dazu, dass sich Tiere „abnormal“ entwickelten, sie in „bloße Fett- und Fleischmassen“ verwandelt würden. Als letztes Beispiel sei an die Problematik der Wasserverschmutzung erinnert. Hierzu finden wir auch Aussagen bei Engels.

Alle diese Fakten führen bei Marx zu einer wachsenden Skepsis, schließlich studiert er Autoren, die sich mit dem Untergang von Kulturen und Zivilisation durch Klimawandel befassen. Sein Fazit: Gesellschaften lassen Wüsten zurück, wenn sie nicht rationell – Marx verwendet dieses Wort im Sinne von Vernunft – beherrscht würden.

Sorgsamer Umgang mit der Natur – ein Gebot der Vernunft

UNTERNEHMERIN KOMMUNE:

Wir unterscheiden bei unseren Überlegungen zu den Gegenständen von Öffentlich-privaten Partnerschaften zwischen den „normalen“ Wertschöpfungsprozessen und der Erbringung von Daseinsvorsorgeleistungen und leiten daraus ab, dass Daseinsvorsorge und Profitmaximierung unvereinbar sind. Gibt es in den Schriften von Marx und Engels solche Unterscheidungen?

Dr. Hubmann

Wie gesagt, besteht das Anliegen von Marx und Engels zunächst einmal darin, elementare Formen der Ausbeutung zu überwinden. Insofern setzen sie, quasi vor aller Sozialpolitik, noch eine Stufe tiefer an. Hierzu gibt es eine Fülle von Äußerungen: „Was könnte die kapitalistische Produktionsweise besser charakterisieren als die Notwendigkeit, ihr durch Zwangsgesetz von Staatswegen die einfachsten Reinlichkeits- und Gesundheitsvorrichtungen aufzuherrschen?“ Oder: „Apres moi le deluge! (Nach uns die Sintflut) Ist der Wahlruf jedes Kapitalisten und jeder Kapitalistennation. Das Kapital ist daher rücksichtslos gegen Gesundheit und Lebenskraft des Arbeiters, wo es nicht durch die Gesellschaft zur Rücksicht gezwungen wird.“

Der Schluss, den Marx hieraus zieht, ist eindeutig: Kapitalistisches Handeln gehört zum mindesten unter gesellschaftliche Kontrolle, besser noch wäre genossenschaftliches Eigentum. Die Kooperativbewegungen z.B. bewiesen, dass „Produktion auf großer Stufenleiter und im Einklang mit dem Fortschritt moderner Wissenschaft“ durchaus möglich wäre.

UNTERNEHMERIN KOMMUNE:

Naomi Klein begründet in „Die Entscheidung. Kapitalismus vs. Klima“ die Unvereinbarkeit dieser Produktionsweise mit den elementaren Erfordernissen der Ökologie. Ist diese Position schon in den Schriften von Marx und Engels zu finden, und gibt es dazu exemplarisch prägnante Formulierungen?

Dr. Hubmann

Dies ist eindeutig auch die Position auch bei Marx und Engels. Von vielen hier in Frage kommenden Textstellen möchte ich nur eine zitieren: „Die Freiheit […] kann nur darin bestehen, dass der vergesellschaftete Mensch, die assoziierten Produzenten, diesen ihren Stoffwechsel mit der Natur rationell regeln, unter ihre gemeinschaftliche Kontrolle bringen, statt von ihm als von einer blinden Macht beherrscht zu werden“.

Marx als Chemiker, Geologe und Naturkundler

UNTERNEHMERIN KOMMUNE:

Die große Breite im Denken von Marx und Engels – unter anderem Geschichte, Philosophie, Ökonomie, Religion oder Ästhetik – ist vermutlich der Grund zu Kategorisierungen: Marx zur Religion, Marx zu Frauenrechten und, und, und. Ist das ein legitimer Ansatz, und wenn ja, wie verträgt er sich mit der Komplexität und Universalität der Denkmethode, die beide anwendeten?

Dr. Hubmann:

Solche Kategorisierungen greifen, wie sie bereits andeuten, eindeutig zu kurz; es sind „short comings“, hätte Marx gesagt. Das Denken, oder, modern gesagt, der Ansatz von Marx ist ein systemischer. Die kapitalistische Ökonomie bedarf eines bestimmten Stands der Technik und der Wissenschaft, sie ist nur möglich innerhalb eines bestimmten Rechtssystems (Eigentumsrecht, Vertragsrecht etc.). Andererseits „muss“ man – wie er sagt –, um bestimmte Wesenszüge des Kapitalismus zu verstehen, bestimmte religiöse Analogien zur Hilfe nehmen (deshalb hat Marx religionssoziologische und ethnologische Studien getrieben). Literaturen wiederum können Auskunft geben über gesellschaftliche Sachverhalte, und so fort.

Das Ziel von Marx‘ Forschung besteht gerade darin, die verborgenen Zusammenhänge, die „Anatomie der bürgerlichen Gesellschaft“, herauszuarbeiten und offen zu legen. Dieser systemische Ansatz führt Marx zu umfassenden, enzyklopädischen Studien in den verschiedensten Wissenschaftsgebieten. Allerdings ist ein solches Programm für einen Einzelnen nicht zu bewältigen. Aus diesem Grund wohl ist das ökonomische Hauptwerk, Das Kapital, Fragment geblieben.

UNTERNEHMERIN KOMMUNE:

Hilft die komplette Aufarbeitung des Schrifttums in der Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA) die Komplexität der wissenschaftlichen Arbeit von Marx und Engels besser zu verstehen?

Dr. Hubmann:

Indem die MEGA das komplette Werk und den Nachlass vollständig erschließt, wird diese Komplexität erstmals sichtbar. Man mag es kaum glauben, aber es ist bis heute nicht alles von Marx veröffentlicht. Beispielsweise haben wir in der MEGA erstmals alle Manuskripte zum Kapital veröffentlicht, so dass erst jetzt sichtbar wird, wie weit Marx mit der Ausarbeitung gekommen war, und aus welchen Materialien Engels später die von ihm (und nicht von Marx selbst) herausgegebenen Bände 2 und 3 zusammengestellt hat. Es handelte sich allein beim Kapital um mehrere tausend Seiten an Erstpublikationen. Noch umfangreicher sind seine Studienmaterialien, Exzerpte und Notizbücher, die in einer eigenen Abteilung publiziert werden, die einmal 32 Bände umfassen soll. Von großer Bedeutung ist dies deshalb, weil hier ganz neue Disziplinen sichtbar werden, mit denen Marx sich befasst hat: Physiologie, Chemie, Geologie und anderes mehr. Schließlich möchte ich noch darauf hinweisen, dass auch das publizistische Werk durch die MEGA neue Konturen gewinnt: die journalistischen Arbeiten wurden ja seinerzeit anonym veröffentlicht. Durch Autorschaftsanalysen hat die MEGA bereits Hunderte neue, bislang unbekannte Artikel nachgewiesen. Aufs Ganze gesehen zeigt sich also, dass das bisherige Bild von Marx zu einseitig und eng war, das Enzyklopädische seines Ansatzes wird erst jetzt deutlich.

UNTERNEHMERIN KOMMUNE:

Selbst unter den  gebildeten und belesenen Zeitgenossen gibt es vermutlich nur wenige, die alle 40 Bände aus der Reihe Marx-Engels-Werke, also die berühmten blauen Bände, studiert haben. Natürlich strebt der Mensch nach Vollständigkeit, aber welche weiteren Gründe gibt es für dieses ambitionierte Vorhaben einer Gesamtausgabe aller Schriften?

Dr. Hubmann:

In der Tat liegt hier ein überaus umfangreiches Opus von zwei Autoren vor, das sich über einen weiten Zeitraum des 19. Jahrhunderts und viele Wissensgebiete bis in die Politik erstreckt. Allein die Korrespondenz umfasst etwa 15.000 Briefe. Hinzu kommt, dass es von Beginn an aus ideologischen Gründen zu Manipulationen, Kompilationen und sogar zur Unterdrückung von Texten kam. Man darf in diesem Zusammenhang vielleicht daran erinnern, dass die Editoren der ersten MEGA, die in den 1920er Jahren versuchten, Werk und Nachlass vollständig herauszugeben, von Stalin hingerichtet wurden. Es scheint also auch ein Gebot historischer Gerechtigkeit zu sein, diese Schriften endlich in authentischer und vollständiger Form vorzulegen.

Allerdings führt dies eben auch dazu, dass der Umfang der Ausgabe – bei Abschluss des Projektes im Jahr 2032 –  bei über 100 Bänden liegen wird. Bislang liegen 66 Bände vor.

Ein weiterer Gesichtspunkt ist die Wirkmächtigkeit und Weltgeltung des Marx’schen Denkens – seit 2013 gehören seine Schriften ja auch zum Weltdokumentenerbe der UNESCO. Diese Bedeutung manifestiert sich auch darin, dass die MEGA weltweit die Grundlage – also sozusagen das Urmeter – für Werkausgaben, Übersetzungen, Studien- und Einzelausgaben ist, von Japan über Südkorea und China, Frankreich, Italien, Griechenland bis in die USA und Brasilien. Nach meiner Wahrnehmung kommt in der großen internationalen Nachfrage und dem großen Interesse an der MEGA das Bedürfnis einer Neuaneignung von Marx auf authentischer Textgrundlage zum Ausdruck.

UNTERNEHMERIN KOMMUNE:

Vor dem Begriff MEGA erscheint immer das Attribut historisch-kritisch. Können Sie das bitte populärwissenschaftlich übersetzen?

Dr. Hubmann:

Damit wird der philologische Ansatz der Ausgabe beschrieben: wir dokumentieren sämtliche Texte (oftmals Handschriften) in ihrer Entstehung, mit allen Textvarianten und Korrekturen und schließlich auch ihre Überlieferung. Im Hinblick auf ein bisher ideologisch manipuliertes Oeuvre wie das Marx’sche führt dieser philologische Blickwinkel zu völlig neuen Perspektiven, wie jüngst gerade unsere Edition der Deutschen Ideologie gezeigt hat.

Weltweite Forschungskooperation wird in Berlin koordiniert und geleitet

UNTERNEHMERIN KOMMUNE:

Sie sind, wir formulieren das bewusst verkürzt, Leiter und Koordinator des MEGA Vorhabens. Wie müssen wir uns Ihre Tätigkeit praktisch vorstellen, warum hat die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften die Federführung und wie übt sie diese aus?

Dr. Hubmann:

Die MEGA wird in internationaler Forschungskooperation erarbeitet. Für einzelne Themengebiete und Bände gibt es Teams. So werden z.B. derzeit die agrarökomischen Manuskripte von Marx, immerhin mehr als 900 Seiten komplizierte Handschriften, gemeinsam mit Kollegen und in Tokyo und Osaka ediert. Die Briefe werden gemeinsam mit drei Kolleginnen in Moskau entziffert und ediert. Die Endredaktion aller Bände und Koordination des Projektes erfolgt am Akademienvorhaben in Berlin. Herausgeben werden die Bände der MEGA von der Internationalen Marx-Engels Stiftung, der neben der Akademie diejenigen Institute angehören, die im Besitz des handschriftlichen Nachlasses sind: Das Internationale Institut für Sozialgeschichte Amsterdam, das Russländische Staatliche Archiv für Sozial- und Politikgeschichte (Moskau) und die Friedrich-Ebert-Stiftung (Bonn).

UNTERNEHMERIN KOMMUNE:

Gerade ist erste Band des Kapitals in einer neuen Textausgabe in der Bearbeitung und Herausgeberschaft von Thomas Kuczynski erschienen. Wir vermuten, dass diese Edition, der Kuczynski zehn Jahre gewidmet hat, außerhalb der MEGA entstanden ist. Aber auch bei Ihnen ist das Kapital bearbeitet worden. Helfen Sie uns bitte, die Parallelität beider Vorhaben zu verstehen?

Dr. Hubmann:

Der Unterschied zur MEGA ist, dass wir alle vier verschiedenen Druckausgaben des Kapital dokumentieren und darüber hinaus noch die handschriftlichen Entwürfe. Die MEGA bietet also das vollständige Material. Sie bietet damit die Grundlagen für die Forschung und Voraussetzungen dafür, dass solch verdienstvolle Einzel-Ausgaben wie die von Kuczynski entstehen können.

UNTERNEHMERIN KOMMUNE:

Wir bitten um Verständnis für eine bewusst etwas flapsig formulierte, abschließende Frage: Helfen uns die 114 Bände der MEGA dabei, die Welt besser zu verstehen oder gar mehr noch, sie auch besser zu machen?

Dr. Hubmann:

Zumindest soll die MEGA dazu dienen, ein Werk von Weltgeltung, eine historisch überaus bedeutsame Korrespondenz und einen bislang unbekannten Nachlass vollständig und originalgetreu vorzulegen. Die ideologischen Entstellungen von Marx und seine Zurichtungen durch Parteiinstitute werden damit nicht das letzte Wort bleiben und dauerhaft ein falsches Bild von Marx etablieren. Wenn Sie so wollen, wird damit vielleicht in der Tat die Welt ein bisschen besser gemacht – oder wenigstens historisch gerechter.

Das Interview führte Michael Schäfer

Menu schließen