Sieben Nächte

Florian Illies hat im Jahr 2000 den Bestseller „Generation Golf“ geschrieben. Der Verkaufserfolg fand Nachahmer. Inzwischen können wir auch das Innenleben der Generationen x, y und z besichtigen. Wie auf Florian Illies komme? Ich war nach der Lektüre des Textes von Simon Strauss durchaus angetan, aber ein wenig ratlos, wie ich ihn bewerten und ihnen nahebringen soll. Also machte ich etwas, was ich – großes Ehrenwort – in den vielen Jahren, in denen ich Ihnen Ausgabe für Ausgabe in dieser Zeitschrift Bücher vorstelle, noch nie gemacht habe. Ich habe bei Google nach Rezensionen gesucht, und bin auf jene von Illies in der „Zeit“ gestoßen, einem Blatt, dem ich zutraue, dass dort Buchempfehlungen nicht unkritisch, sondern mit einigem Anspruch in den Kulturteil „gehievt“ werden.

Natürlich setzte ich, was die Objektivität der Rezension betrifft, ein kleines Fragezeichen. Immerhin sind Rezensent und Autor nicht nur irgendwie Kollegen. Beide sitzen sogar in einer Redaktion, dem Feuilleton der FAZ, und das ist ganz schön nahe. Und beide haben in ihren Büchern den Fokus auf eine Generation gerichtet. Illies dezidiert schon im Titel, wobei ich anmerke, dass seine „Generation Golf“ keine Draufsicht, sondern eine Nabelschau ist, denn der Verfasser gehört mit seinem Jahrgang 1971 zu dieser Kohorte.

Auch wenn bei Simon Strauss nicht Generation Y auf dem Titel steht, habe ich sein Buch so verstanden, dass er sich nicht nur als Individuum, sondern exemplarisch für den ganzen Jahrgang, für den das „Y“ steht, befragt hat. Denn der Autor, geboren 1988 in Berlin, gehört zu jenen, die man im Synonym auch als Generation why bezeichnet, was ein Fingerzeig darauf ist, dass deren Angehörige zum Hinterfragen neigen. Ob das für alle 22 Prozent an der Gesamtbevölkerung, die Stand 2015 in  Deutschland unter dem Label „Y“ firmierten, zutrifft? Man müsste sie alle befragen. Ob das dem plakativ reduzierten Etikett zuträglich ist? Fragezeichen über Fragezeichen.

Ich halte von den Schablonisierungen aus der Feder von Florian Illies und aller Nachfolge-Erfinder von Generationen-Spezifika eher wenig. Sicher prägen der Zeitgeist, die vorherrschenden materiellen und ideellen Gegebenheiten nicht unerheblich unsere Individualität. Aber maßgeblicher, das wissen wir heute ziemlich genau, sind unsere genetischen Kodierungen, und die sind wohl auch dafür verantwortlich, dass jede Generation seit Menschengedenken die im wesentlichen immer gleichen Fragen stellt. Zentral die nach dem Sinn des Lebens, und genau die treibt auch den jungen Mann in seinen „Sieben Nächten“ um. Ob’s Simon Strauss ist, ein Kunstprodukt oder ein Gemisch aus Beidem  lassen wir dahingestellt, denn es ist nicht wichtig angesichts der Furcht vor dem Erwachsensein in der düsteren Ahnung, dass sich nunmehr das Leben in mehr oder minder gleichen Bahnen bewegen wird, und die kühnen Pläne des Sturm und Drang zur Makulatur verkommen.

Wie dieser Ausweglosigkeit entfliehen? In einer Spätsommernacht besiegelt unser Held einen Pakt mit einem entfernten Bekannten: An sieben Nächten um sieben Uhr wird er losgeschickt in die Nacht, auf das er einer der sieben Todsünden begegne. Er muss gierig, hochmütig und faul sein, neiden und wüten, Völlerei und Wollust treiben. Und bis zum Morgen muss er über seine Erlebnisse schreiben, alles erzählen, ohne Zensur, ohne Beschönigung. Denn die sieben Todsünden sind vielleicht seine letzte Rettung.

Gestern Abend sah ich im Deutschen Theater „Das Auerhaus“ nach dem gleichnamigen Roman von Bov Bjerg. Das Buch kannte ich nicht, aber nach den zweieinhalb Stunden im „DT“ war ich mir sicher, dass auch in einer Dramatisierung des Textes von Simon Strauss ganz ähnliche Aussagen pointiert würden. Denn „Das Auerhaus ist wie „Sieben Nächte“ ja vor allem  eine Vermeidungsstrategie gegen den vorgefertigten Lebensentwurf. „Birth, school, work, bummbumm, death“, so die Auerhaus-Regisseurin Nora Schlocker im Programmheft. Und die sechs Protagonisten im Stück revoltieren heftigst gegen das Szenario von der Gleichförmigkeit bis zum Schluss der physischen Existenz.

Aber am Ende des Stückes wissen wir, dass es für sie zum „Birth, school, work, bummbumm, death“ vermutlich keine Alternative geben wird.

Panik sind seine Ängste,  seinen Glauben an das Wahre, Gute, Schöne zu verlieren und sich einzurichten in der Bequemlichkeit, in Abgeklärtheit, Konferenzen, Rentenplänen – „mit Tai-Chi, Fischgrätparkett und ZEIT-Abo“. Angst also vor der Leere – und einem unsichtbaren Ich.“ So hat es Florian Illies in seiner Rezension auf den Punkt gebracht. Ich kann dem nichts hinzufügen. Und das liegt mitnichten daran, dass mich der dichte, der aufwühlende Text nicht berührt hätte. Das hat einer geschrieben, der diese Ängste kennt und der mit seinen 29 Jahren über eine verblüffende, erstaunlich reife und differenzierte Sprachgewalt verfügt. Allerdings – siehe oben – habe ich diese Gedanken alle schon anderswo gelesen (und nicht nur einmal), und ich habe alle diese Fragen schon gehört.

Was uns vor dem „Birth, school, work, bummbumm, death“ retten kann? Statt einer eigenen Antwort zitiere ich Dr. Reiner Haseloff, den Sachsen-Anhaltinischen Ministerpräsidenten, den ich für diese Ausgabe interviewt habe. Er empfiehlt: „Höre nie auf quer zu denken.“ Da bin ich mit dem Politiker, auch deshalb, weil er diesen Wahlspruch tatsächlich ernst nimmt, in vollständiger Übereinstimmung.

Simon Strauss: Sieben Nächte

Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

1. Auflage 2017

ISBN 978-3-351-05041-2

Rezensent: Prof. Dr. Michael Schäfer

Bewertung: ****

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