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Mit Energie zu schnellem Internet

Synergien nutzen, Kompetenzen bündeln

Mit Energie zu schnellem Internet

Regionalversorger aus Sachsen-Anhalt zwischen Herausforderungen und Chancen

Daseinsvorsorge-Infrastrukturen. So lautete das Jahresthema 2016. Im Fokus standen dabei zwei Segmente: der ÖPNV und die Breitbandversorgung. Und zwar deshalb weil für beide Bereiche in Deutschland erst langsam das Bewusstsein dafür gewachsen ist, dass sie im Kanon der existentiellen Daseinsvorsorge einen festen Platz haben. Aus dieser grundlegenden Einsicht folgten praktische Handlungen in Gestalt von Förderprogrammen des Bundes und der Länder für den Ausbau der Breitbandinfrastruktur. Das ist per se löblich. Allerdings muss schon an dieser Stelle kritisiert werden, dass die Förderregularien wie immer zu kompliziert und die Abstimmung zwischen den Programmen des Bundes und der Länder verbesserungswürdig ist.
Die Hauptlast für die Schaffung der Infrastruktur für schnelles Internet liegt trotz der monetären Unterstützung allerdings weiter bei den Kommunen. Deshalb setzen wir auch 2017 in UNTERNEHMERIN KOMMUNE die Berichterstattung darüber fort, wie der Daseinsvorsorgeauftrag Breitbandversorgung erfüllt wird. Über Stadtwerke, die sich dieser Aufgabe erfolgreich annehmen, haben wir an dieser Stelle mehrfach berichtet. Dass sich auch ein Regionalversorger engagiert und sogar ohne Förderung ins Risiko geht, haben wir erst kürzlich vom Geschäftsführer der Erdgas Mittelsachsen GmbH, Jens Brenner, erfahren. Da dieses Vorgehen für diese Gattung von Energieversorgern eher selten ist, haben wir Herrn Brenner um nähere Informationen gebeten. Lesen Sie dazu bitte das folgende Interview.

UNTERNEHMERIN KOMMUNE:

Am Anfang ein Versuch der Einordnung. Ihr Unternehmen ist schon seit Jahren sehr innovativ unterwegs, um das Kerngeschäft rund um das Erdgas um weitere Angebote zu ergänzen. Dabei sind Sie bekanntermaßen sehr erfolgreich. Mit welcher grundsätzlichen Strategie erschließen Sie neue Geschäftsfelder?

Jens Brenner:

Die Liberalisierung des Energiemarktes und die Energiewende sind für uns Herausforderung und Chance zu gleich. Dem haben wir uns von Anfang an gestellt – gerade als ein im Verhältnis eher kleiner Regionalversorger. An diese Aufgaben gehen wir stets mit Weitblick, sei es bei der Einbindung von Biomethan-Anlagen in unser Netz, Neu-Erschließungen oder solch innovativen Projekten, wie Power to Gas. Mittlerweile speisen sechs Biomethan-Anlagen in unser Erdgas-Netz ein. Um die Aufnahmekapazitäten zu erweitern haben wir beispielsweise in 2013 unsere bis dato separat betriebenen Netze dies- und jenseits der Elbe u. a. mit einem rund 1,3 Kilometer langen Düker unter den Fluss verbunden. Eine ingenieurtechnische Meisterleistung.

UNTERNEHMERIN KOMMUNE:

Was ist auf diese Weise bisher in das Portfolio der Erdgas Mittelsachsen gelangt, und wie lautet für die einzelnen Bereiche Ihre Zwischenbilanz?

Brenner:

Bereits im Jahre 2009 haben wir die Pfade eines reinen Erdgasversorgers verlassen und sind erfolgreich ins Stromgeschäft eingestiegen. Darüber hinaus sind wir seit 2011 außerhalb unseres angestammten Netzgebietes mit der Produktlinie SalzandEnergie am Markt – mittlerweile in weiten Teilen Sachsen-Anhalts. Eine wichtige und richtige Entscheidung. Ferner haben wir unsere Produktpalette um den Heizstrom erweitert, und für Kommunen, Immobilienwirtschaft und Industrie sind wir bereits seit Anfang der 2000-er Jahre ein starker Partner auf dem Gebiet von Nahwärmekonzepten.

UNTERNEHMERIN KOMMUNE:

Zurück zur Strategie. Wie sind Sie mit diesem Ansatz auf das zunächst einmal eher energieferne Thema Internetinfrastruktur gekommen?

Brenner:

Der Weg war zunächst gar nicht so weit. Im Zuge von Erdgas-Erschließungs-Projekten wollten wir Synergien schaffen und diese auch nutzen. Gerade in Sachsen-Anhalt und im Besonderen im Salzlandkreis gab und gibt es noch viele weiße Flecken, wenn es um schnelles Internet geht. Und so haben wir versucht, nicht zuletzt die Tiefbauarbeiten, die für die Erweiterung unseres Erdgasnetzes notwendig und zugegebenermaßen sehr kostenintensiv sind, mit der Errichtung von Leerrohr- und schließlich Glasfasernetzen zu verbinden. Das Ganze haben wir erstmals 2015 in Groß Rosenburg, einem 1200-Einwohner-Ortsteil der Einheitsgemeinde Stadt Barby realisiert. Auf eigenes Risiko, wie ich betonen möchte.

„Wer wenn nicht wir, soll hier als Partner der Region die Funktion der Lokomotive übernehmen.“

UNTERNEHMERIN KOMMUNE:

Skizzieren Sie bitte die Breitbandaktivitäten?

Brenner:

Bei der Erschließung von Groß Rosenburg sprachen wir noch vom Pilotstatus. Nach der erfolgreichen Umsetzung und dem Fakt, dass wir tatsächlich Highspeed-Internet auf das „platte Land“ gebracht haben, gab es weitere Anfragen. Es folgten in diesem Jahr die kombinierten Erdgas- und Breitband-Erschließungen der Ortsteile der Stadt Barby Pömmelte und Glinde. In unserer Heimatgemeinde Brumby, einem Ortsteil der Salzstadt Staßfurt, haben wir darüber hinaus ein hochmodernes Glasfasernetz errichtet – ebenfalls ohne Förderung.

UNTERNEHMERIN KOMMUNE:

Diese Projekte – Sie haben es gerade erwähnt – realisieren Sie ohne Förderung, gehen also ins Risiko. Wie kalkulierbar ist das, und was sagen Ihre kommunalen Eigentümer?

Brenner:

Auch wir als mehrheitlich kommunales Unternehmen wollen und müssen wachsen und neue Geschäftsfelder erschließen. Das wissen, fordern und fördern gleichermaßen unsere Gesellschafter. Gemeinsam sehen wir diese Investitionen als wichtigen Wachstums-Baustein und zugleich als Lösung einer Aufgabe, die die kommunale Daseinsvorsorge an uns stellt. Die modernen Medien entwickeln sich in einem rasanten Tempo. Neben der Energiewende müssen wir uns auch der Herausforderung des digitalen Wandels stellen. Wer wenn nicht wir, soll hier als Partner der Region die Funktion der Lokomotive übernehmen.

UNTERNEHMERIN KOMMUNE:

Sie haben mit einem Magdeburger Unternehmen für die Breitbandprojekte ein gemeinsames Unternehmen, die GlasCom Salzlandkreis GmbH gegründet. Warum haben Sie sich  gesellschaftsrechtlich verbandelt und kein vertraglich basiertes Kooperationsmodell unterhalb dieser Ebene gewählt?

Brenner:

Ich erwähnte eingangs das Stichwort Synergien. Mit der Gründung des gemeinsamen Tochterunternehmens GlasCom Salzlandkreis GmbH haben wir mit der MDCC Magdeburg City Com GmbH unsere Kompetenzen bündeln können. Und davon profitieren am Ende alle drei Unternehmen und eben auch die Region und nicht zuletzt die Privat- und Geschäftskunden vor Ort.. Der Slogan „ …mit dem Know how von EMS und MDCC“, den die GlasCom nutzt, ist Programm und soll eine Erfolgsgeschichte werden.

Bei den Erschließungsprojekten in den Ortschaften Groß Rosenburg, Pömmelte und Glinde hat die EMS – hier mit Anlagenmechaniker Frank Drobek – parallel zu den Erdgasleitungen zunächst Leerrohre verlegt. In diese wurden inzwischen hochmoderne Glasfaserkabel eingezogen für eine Versorgung mit Highspeed-Internet im ländlichen Raum. Weitere Breitband-Erschließungsvorhaben sind bereits in Planung. Fotos: EMS

UNTERNEHMERIN KOMMUNE:

Sie haben sich auch um Förderprojekte beworben. Mit welchem Ergebnis?

Brenner:

Es ist uns gelungen, im Konzert mit zwei großen Telekommunikationsanbietern, uns in einem kombinierten Förderprojekt von Bund, Land und EU für ein Los zu platzieren. In den nächsten zwei Jahren werden wir in ländlichen Ortsteilen der Stadt Staßfurt Netze erschließen und Highspeed-Internet mit Bandbreiten von 100 Mbit/s und mehr garantieren. Wie bei den Vorgänger-Projekten werden wir auch hier hochmoderne Glasfaserleitungen verlegen – und zwar bis ins Haus (FTTH). Das unterscheidet uns von anderen Anbietern und ist zugleich in die Zukunft gerichtet.

Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit dem Salzlandkreis, der ja unter anderem Antragsteller für die Fördermittel und hoffentlich zufrieden ist, dass sich ein Unternehmen engagiert, das im Landkreis seinen Hauptsitz hat?

Brenner:

Nähe war schon immer unsere Stärke. Mit den bisher realisierten Erschließungsprojekten haben wir den Beweis angetreten, dass wir als regionaler Versorger durchaus in der Lage sind, Innovationen zu schaffen. Wir gehen davon aus, dass der Salzlandkreis dies zu schätzen weiß – eben so wie unsere kommunalen Partner.

Das Gespräch führte Michael Schäfer

Unser Gesprächspartner

Jens Brenner wurde am 18. November 1971 in Gardelegen geboren. Der Geschäftsführer der Erdgas Mittelsachsen GmbH studierte Maschinenbau mit Vertiefungsrichtung Energietechnik an der Technischen Hochschule in Zittau. Nach Tätigkeiten bei der Thüga AG in München übernahm er 2007 die Leitung des regionalen Energieversorgungsunternehmens mit Sitz in Staßfurt (Sachsen-Anhalt).
Die Erdgas Mittelsachsen GmbH ist in Sachsen-Anhalt vorwiegend in den Landkreisen Jerichower Land, Anhalt-Bitterfeld, Börde sowie im Salzlandkreis und Teilen der Landeshauptstadt Magdeburg tätig, zählt aktuell 106 Mitarbeiter und bildet 15 Lehrlinge in drei Fachrichtungen aus.

Info:
www.e-ms.de