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Erprobte Allianz mit zunehmender Bedeutung

Beim Interview am Unternehmenssitz der VNG in Leipzig. Die Fragen stellte Prof. Dr. Michael Schäfer, links im Bild.

Kommunen und VNG:

Erprobte Allianz mit zunehmender Bedeutung

Interview mit Hans-Joachim Herrmann, u.a. Vorsitzender der Gesellschafterversammlung der VNG Verwaltungs- und Beteiligungsgesellschaft mbH und Mitglied der Koordinierungsgruppe des „Verbundnetz für kommunale Energie“ (VfkE) und Ulf Heitmüller, Vorstandsvorsitzender der VNG -Verbundnetz Gas Aktiengesellschaft

Hans-Joachim Herrmann gehört mit großer Wahrscheinlichkeit zu den ostdeutschen Führungskräften, die den Weg der VNG – Verbundnetz Gas Aktiengesellschaft am längsten begleitet und das Unternehmen auch am nachhaltigsten mitgeprägt haben. Er ist der Gründungsgeschäftsführer der Stadtwerke Lutherstadt Wittenberg GmbH. Dieses 1991 gegründete Unternehmen war das erste in Ostdeutschland, das mit der VNG 1992 einen Erdgasliefervertrag abschloss. Hans-Joachim Herrmann ist seit 2009 Vorsitzender der Gesellschafterversammlung der VNG Verbundnetz Gas Verwaltungs- und Beteiligungsgesellschaft mbH. Dort sind die Aktien gebündelt – insgesamt 21,58 Prozent – die von acht ostdeutschen Stadtwerken an der VNG gehalten werden. Im Jahr 2016 wurde Ulf Heitmüller zum Vorstandsvorsitzenden dieses Leipziger Unternehmens bestellt. Heitmüller bekleidete bis zu seiner Berufung nach Leipzig Führungspositionen bei EnBW. Hier der Mann, der quasi von der ersten Stunde als „Kommunaler“ bei der VNG dabei ist, da der „Neue“ an der Spitze des Leipziger Unternehmens, der sich in diversen Führungspositionen in großen Konzernen große Energiekompetenz im deutschen und internationalen Maßstab erworben hat. Diese zwei Führungskräfte, die für die VNG aus unterschiedlichen Perspektiven große Verantwortung tragen, äußerten sich im Gespräch mit UNTERNEHMERIN KOMMUNE zum weiteren Weg des Unternehmens und dessen kommunaler Verankerung.

UNTERNEHMERIN KOMMUNE:

Herr Herrmann, Sie waren aus allernächster Nähe Zeuge und Mitgestalter der Transformation der VNG von einem volkseigenen Kombinat in eine markwirtschaftliche Aktiengesellschaft. Zu diesem Zeitpunkt wurde auch die Allianz des Unternehmens mit ostdeutschen Kommunen begründet. Wie kam es dazu?

Hans-Joachim Herrmann:

Das genaue Gründungsdatum der Stadtwerke Lutherstadt Wittenberg lautet 19. Februar 1991. Der Notar, der den Gesellschaftsvertrag beurkundete, war genauso neu am Start wie unser Unternehmen. Sein Büro war im häuslichen Wohnzimmer, und dort haben wir am Abend, es war gegen 20 Uhr, unsere Unterschriften geleistet. Am nächsten Morgen – das weiß ich noch wie heute – war der erste Brief, den ich als frischgebackener Geschäftsführer unterschrieb, eine an die VNG  adressierte Bitte, mit uns einen Erdgasliefervertrag abzuschließen. Selbigen haben wir schon im Mai unterschrieben. Im Juni des Folgejahres strömte das erste Erdgas nach Wittenberg. Die dazu  nötige Paragraf-5-Genehmigung kam nach einer recht langen bürokratischen Odyssee genau an diesem ersten Liefertag per Post bei uns an. Damit konnten wir sofort beginnen, mehrere Gewerbegebiete von Anfang an mit dem modernen und umweltfreundlichen Energieträger zu versorgen. Auf diese schon ungewöhnliche und turbulente Weise begann die enge und erfolgreiche Zusammenarbeit mit  VNG, bei der wir oft gemeinsam Neuland betreten haben. Hier nur zwei Beispiele: Wir waren die ersten, die das VNG-Angebot „Erdgas-Ruf“ zur Optimierung unseres Störstellenmanagements nutzten, und wir waren eines der ersten Stadtwerke in Sachsen-Anhalt, in dem mit Hilfe unseres Partners VNG eine Erdgastankstelle eröffnet wurde.

Beim Interview am Unternehmenssitz der VNG in Leipzig. Die Fragen stellte Prof. Dr. Michael Schäfer, links im Bild.

Ostdeutsche Kommunen sind die Konstante im VNG-Aktionärskreis

UNTERNEHMERIN KOMMUNE:

Aber warum sind sie dann erst 2004 zu den ostdeutschen kommunalen Aktionären der VNG gestoßen?

Hans-Joachim Herrmann:

Weil es eher nicht möglich war. 1991 bestand die kommunale Eigentümergemeinschaft aus acht Kommunen, die zusammen 15,79 Prozent der VNG-Anteile hielten. Erst im Jahr 2004 – da wurde die Oldenburger EWE Mehrheitsaktionär – konnte dieser Anteil aufgestockt werden. Die für die EWE-Aktienübernahme notwendige Ministererlaubnis enthielt auch die Option, den ostdeutschen kommunalen Anteil auf 25,79 Prozent zu erhöhen. Zu den neuen Eigentümerkommunen gehörte auch die Lutherstadt Wittenberg, wobei der Anteil vom Stadtwerk gehalten wird.

Bekanntlich haben sich die Eigentümerverhältnisse bei der VNG seit 1991 immer wieder verändert. Nur ein Aktionär ist von Anfang an dabei. Das ist die VNG Verbundnetz Gas Verwaltungs- und Beteiligungsgesellschaft mbH (VUB), in der die ostdeutschen kommunalen Eigentümer ihre Aktien gebündelt haben. Seit 26 Jahren sind wir als VUB immer der zweitgrößte Aktionär der VNG.

UNTERNEHMERIN KOMMUNE:

Wäre der Weg der VNG ohne diese kommunale Mitwirkung ein anderer gewesen?

Ulf Heitmüller:

Die VNG hat von dieser Stabilität in der kommunalen Mitwirkung zweifellos profitiert. Dem Unternehmen würde ein wichtiges Stück Identität fehlen. Von besonderer Bedeutung für die VNG war der Prozess der Erdgasumstellung in Ostdeutschland. Nur durch das gemeinsam an einem Strang ziehen von Kommunen und VNG konnte dieser Prozess so schnell, so effizient, so erfolgreich bewältigt werden.

Für mich ist diese Transformation vom Stadt- zum Erdgas die erste Energiewende im vereinigten Deutschland. Genau zwanzig Jahre bevor dieser Begriff zum ersten Mal offizielles Sprachgut wurde. Welche Effekte er für den Umweltschutz brachte, wird leider oft vergessen. Von 1990 bis 2015 sanken deutschlandweit die CO-2-Emissionen um 24,7 Prozent. Allein im Zeitraum von 1990 bis 1995 wurden davon 10,8 Prozent erreicht. Nicht zu vergessen ist die erhebliche Verbesserung der Luftqualität durch die massive Reduzierung von Feinstaub- und Schwefelbelastungen. Das ist maßgeblich der Umstellung von Braunkohle auf Erdgas im Wärmemarkt und der Substitution von Stadtgas durch Erdgas in den neuen Ländern und in Berlin zu verdanken und eben nicht in erster Linie – wie es oft fälschlich behauptet wird – der De-Industrialisierung im Osten.

Hans-Joachim Herrmann:

Ich bin überzeugt, dass die VNG als gut funktionierendes Unternehmen auch ohne die kommunalen Miteigentümer seinen Weg gemacht hätte. Allerdings sehe ich ein paar Zäsuren, die ohne den ganz engen Draht zu den Kommunen eben auch in Gestalt einer eigentumsrechtlichen Verflechtung mit großer Wahrscheinlichkeit weniger schnell und effizient verlaufen wären. Dafür steht prominent die gerade erwähnte Umstellung von Stadt- auf Erdgas. Das betraf ja nicht nur das Fernleitungsnetz der VNG, sondern vor allem auch die Verteilebene in den Kommunen. Hier wurden die Stadtwerke von der VNG umfassend unterstützt. Das Ergebnis konnte man in den Städten förmlich riechen. Diese Verbesserung der Luft war aber nur ein Effekt. Die Umstellung brachte deutlich mehr Lebensqualität. Ich erinnere mich neben den Kohleheizungen auch an die vielen LKW, die in der DDR durch die Städte fuhren, um nahezu jedem Haus und jedem Betrieb die Braunkohle zu bringen, die man für die Beheizung der Öfen brauchte.

Ulf Heitmüller:

Ich habe 1997 zum ersten Mal den damals nagelneuen VNG-Unternehmenssitz in der Leipziger Braunstraße betreten. Zu diesem Punkt war die Umstellung Ostdeutschlands von Stadt- auf Erdgas schon seit zwei Jahren abgeschlossen. Bis 1995 investierte VNG in die Umstellung von rund 6.100 km Hochdruckleitungen von Stadt- auf Erdgas sowie in den Bau von rund 700 km Leitungen und die Erhöhung der Speicherkapazität ihrer Untergrundspeicher. Die rund vierjährige Umstellungszeit mutet aus heutiger Sicht unrealistisch kurz an.

Dies zeigt, welche gewaltige Leistung damals von 1991 bis 1995 in einer engen Allianz von Kommunen und VNG vollbracht wurde. Allianzen, die in solchen Ausnahmesituationen geschmiedet werden, sind weit darüber hinaus stabil, erst recht, wenn die gemeinsame Anstrengung so überaus erfolgreich endet. Ich bin überzeugt, die VNG hätte ohne diese kommunale Verankerung nicht das erreicht, was sie bis heute erreicht hat.

Nur mit Erdgas können wir sofort und auch auf längere Sicht signifikant die Emissionen senken

UNTERNEHMERIN KOMMUNE:

Wie alle anderen Unternehmen in der deutschen Energiewirtschaft muss sich auch die VNG im Kontext mit der Energiewende neu positionieren. Es gab dazu gerade eine umfassende Strategiediskussion. Was sind die wichtigsten Ergebnisse?

Ulf Heitmüller:

Das Umfeld für Gas ist bis 2025 relativ stabil. Daher bleibt es unser klassisches Kerngeschäft, ja ich sehe sogar noch Wachstumspotenziale. Langfristig wissen wir, dass Erdgas im Verbrauch zurückgehen wird. Das ist die logische Konsequenz einer angestrebten vollständigen De-Karbonisierung. Mit Blick in die Zukunft geht es uns darum, Gas erneuerbar zu machen und die Potenziale der Gasinfrastruktur zu nutzen, um Energie wie z.B. Biogas durchzuleiten. Dabei gibt es keine Brüche, und aus einer Brückentechnologie wird eine, die vollständig den Erfordernissen des neuen Energiezeitalters entspricht. Zudem entwickeln wir bereits heute neue Erlösquellen, Kooperationen und Partnerschaften, die die VNG bis 2030 und darüber hinaus tragen. Zu diesen neuen Geschäftsfeldern zählen u. a. Biogas, digitale Infrastruktur und Quartierslösungen.

UNTERNEHMERIN KOMMUNE:

Auch wenn es in der öffentlichen Debatte derzeit keine große Rolle spielt, ist es unstrittig, dass Erdgas als Energieträger auf dem langen Weg in eine Energiewelt aus nur noch Erneuerbaren, die gerade erwähnte Brückenrolle spielen wird. Wie bringt man das ins Bewusstsein und sorgt damit  dafür, dass die politischen Rahmenbedingungen der realen Bedeutung von Erdgas stärker Rechnung tragen?

Hans-Joachim Herrmann:

Erdgas als Problemlöser wird momentan in der Politik zu wenig beachtet. Das wird besonders beim Thema Mobilität deutlich. Vieles an den E-Mobilitätskampagnen ist eine Mixtur aus Symbolpolitik und Aktionismus. Dabei ist die Technologie in der Praxis noch ein ganzes Stück von der Alltagstauglichkeit entfernt, weshalb trotz üppiger Förderung die Verbraucher so gut wie keine Elektroautos kaufen. Bei der Erdgasmobilität hingegen haben wir eine bestehende und bewährte Infrastruktur, technisch ausgereifte Fahrzeuge und akzeptable Reichweiten. Wenn wir, was in einem überschaubaren Zeitraum möglich wäre, einen Großteil der PKW und Busse durch Erdgasfahrzeuge ersetzen, kämen wir fast zu einer Halbierung der Emissionen. Dennoch findet der Erdgasantrieb gegenüber der Elektromobilität politisch nur schwer Gehör. Aktuell geht der Trend leider sogar in eine ganz andere Richtung. Der Verkehr ist im Vergleich zur Industrie und dem Wärmemarkt – beide tragen umfassend zur Einsparung bei – der einzige, der bei den Emissionen zulegt. Hier müssen wir der Politik einen sowohl technisch, als auch finanziell gangbaren Weg zur Erreichung der Klimaschutzziele unter maßgeblichem Einbezug des Energieträgers Erdgas aufzeigen.

Hans-Joachim Herrmann: „Das VfkE hat als angesehener Moderator und als stabiles Netzwerk das Potenzial, die interdisziplinäre Diskussion anzustoßen und zu befördern.“

Ulf Heitmüller:

Dass wir die für 2020 gesetzten Klimaziele deutlich verfehlen, liegt auch daran, dass der Verkehrssektor diesen erwähnten Negativbeitrag leistet. Das werden wir nur ändern, wenn wir konsequent die Lösungen nutzen,  die technisch ausgereift sind, die eine Akzeptanz beim Verbraucher haben, für die es die notwendige Infrastruktur schon gibt und die vor allem industriepolitisch sinnvoll ist Unter diesen Prämissen spricht alles für Erdgas in der Mobilität. Dies umfasst aber nicht nur Kraftfahrzeuge, sondern auch den Schwerlast- und Schifftransport. Damit würden wir  den CO2-Ausstoß um bis zu rund einem Viertel gegenüber Diesel reduzieren und zusätzlich gibt es  fast keinen Feinstaub oder Stickoxide.

Ich hoffe, dass die neue Bundesregierung darauf mit klugen politischen Rahmensetzungen reagiert.

Quartierslösungen – wichtige Station auf dem Weg in „Smart Cities“

UNTERNEHMERIN KOMMUNE:

Erdgas und Wärmemarkt – auch das sind zwei Begriffe, die zusammengehören. Welche Perspektiven sehen Sie hier für die Kommunen in Ostdeutschland mit deutlich höheren eigenen Wohnungsbeständen als in den alten Bundesländern?

Hans-Joachim Herrmann:

Die Fernwärme in Ostdeutschland hat bekanntlich in Relation zu den westdeutschen Ländern einen deutlich höheren Stellenwert. Hier hat  – das zeigt die Grafik – das Erdgas als emissionsarmer Energieträger einen herausgehobenen Platz. Insgesamt kann man bei der Wohnungsbeheizung, wenn man die Entwicklung von 1989 bis zum Jahr 2000 vergleicht, von einer kleinen Revolution sprechen. Bis 2000 stieg der Erdgasanteil bei der Beheizung von fünf auf 69 Prozent. Zugleich fiel er bei Kohle – und hier sprechen wir von der besonders umweltbelastenden Braunkohle – von 73 auf sechs Prozent. Der aktuelle Status zeigt aber auch, dass es noch Potenzial gibt, mit dem Einsatz von Erdgas die Emissionen zu senken.

Ulf Heitmüller:

Die Energiewende im Wärmemarkt ist in erster Linie ein kommunales Thema. Große Anbieter, und das sind in Ostdeutschland vor allem kommunale, tragen dabei eine große Verantwortung und nehmen diese auch wahr. Emissionsminderungen und Bezahlbarkeit sind beim Einsatz von Erdgas zwei Seiten einer Medaille. Mit Erdgas kann man im kommunalen wie privaten Wohnungsbestand mit vergleichsweise geringem Aufwand Emissionsminderungen einfach und schnell realisieren. Zur Verdeutlichung: Wenn wir alle Bestands-Ölheizkessel in Deutschland durch moderne Erdgasheizungen ersetzen würden, könnten wir die CO2-Emissionen um ca. 28 Mio. Tonnen pro Jahr reduzieren. Das entspricht der Menge, die derzeit in einer Stadt wie Leipzig in zehn Jahren emittiert werden.

Ulf Heitmüller: „Ich bin überzeugt, VNG hätte ohne ihre kommunale Verankerung nicht das erreicht, was sie bis heute erreicht hat.“

UNTERNEHMERIN KOMMUNE:

Welche Rolle spielen Bedarfe der Kommunen und deren Unternehmen bei den neuen VNG-Aktivitäten und wie könnten Städte und Gemeinden davon profitieren?

Ulf Heitmüller:

Kommunen und deren Unternehmen gehörten immer zu unseren wichtigsten Kunden, und das wird und muss auch in Zukunft so bleiben. Da ist es nur folgerichtig, dass wir uns bei der strategischen Neuausrichtung ergänzend zu unserem Erdgaskerngeschäft an den Bedürfnissen dieser Kunden orientiert haben. Ebenso logisch ist es, dass wir solche Projekte auch in enger Kooperation mit kommunalen Unternehmen umsetzen.  Als Unternehmen der Energiewirtschaft sind wir seit Jahrzehnten mit den Kommunen verbunden. Und als Erdgasspezialist entlang der gesamten Wertschöpfungskette bringen wir unser Know-how in die Partnerschaft vor Ort ein. Die Stadtwerke sind im Verteilungsbereich stark und sind sehr nahe bei ihren Kunden. Mit diesen sich  ergänzenden Kompetenzen sind wir zum Beispiel prädestiniert, Quartiersmanagement zu entwickeln und zu implementieren. Damit bringen wir die Ideen einer Smart City ins Leben.

Anteil der Energieträger an der Beheizung von Wohnungen in Ostdeutschland im Zeitraum 1989 bis 2000

Das „neue“ VfkE

Wie ist die Ausgangssituation im Jahr 2017?

  • Das VfkE hat sich seit Implementierung im Jahr 2002 zum wichtigsten Diskussionsforum zu kommunalwirtschaftlichen Themen in Ostdeutschland entwickelt und diese Position stetig ausgebaut
  • Allerdings haben sich die Rahmenbedingungen für die Kommunalwirtschaft gegenüber der Ausgangslage bei der VfkE-Konstituierung deutlich verändert
  • Diese Veränderungen haben eine strategische Dimension und betreffen vor allem die Energiewirtschaft. Diese wird jetzt und in Zukunft maßgeblich durch die sogenannten „vier D“ – Dekarbonierung, Digitalisierung, Dezentralisierung, Demografischer Wandel sowie durch die ständig steigenden Anforderungen an die Energieeffizienz geprägt
  • Die Dynamik dieser Veränderungsprozesse wird immer größer und der Status der Veränderungen wird wegen einer ständig wachsenden Zahl von Einflussfaktoren immer weniger für längere Zeiträume planbar!

Was sind die Prämissen für eine „Nachjustierung des VfkE

  • Die Akzeptanz und die Kommunikations-Kompetenz des VfkE wird durch zwei neue Komponenten ergänzt: Integrations-Kompetenz und Lösungskompetenz
  • Damit diese zusätzlichen Kompetenzen ihre Wirkungskraft entfalten können, wird sich das VfkE erstens dezentraler positionieren und zweitens auf dieser Ebene Kommunikation interpersonell und interaktiv organisieren

Wie heißt das „neue“ VfkE?

„VfkE vor Ort“

Das betont die neue Dezentralität mit den Aspekten Komplexität, Zuhörkunst, Diskussion, Strukturierung, Impulssetzung-

Was will „VfkE vor Ort“ erreichen?

  • Plattform sein, für einen Austausch ohne Handlungs- und Ergebnisdruck zu lokalen/regionalen Schwerpunkten der kommunalwirtschaftlichen Betätigung
  • Als Rahmen fungieren, in dem sich die kommunalen Akteure frei und unverkrampft, über ihre Probleme artikulieren können
  • Impulse zur Lösung von Problemen setzen
  • Ansätze für eine externe Mitwirkung sondieren

Wo, wie und mit wem wird „VfkE vor Ort“ aktiv?

  • „Treffpunkt“ ist die Region, dort kleine und mittlere Städte, aber auch große Gemeinden.
  • Der Austausch ist zwanglos. Die Akteure des VfkE hören zu, wirken dabei mit, die konkrete Problemsituation quasi „auf den Punkt zu bringen“ und setzen erste Impulse für Lösungen.
  • An den Gesprächsrunden nehmen vor allem Kommunalpolitiker, Mitarbeiter kommunaler Unternehmen und fachlich zuständige Mitarbeiter aus den Verwaltungen teil.

VfkE: Auf neue Weise produktiv und Nutzen stiftend

UNTERNEHMERIN KOMMUNE:

Kooperationen mit Kommunen im Rahmen der geschäftlichen Neupositionierung implizieren im Regelfall Ortsnähe, das gilt auch im Zeitalter der Digitalisierung. Kann man daraus folgern, dass dieser Bereich neben der europäischen und gesamtdeutschen Ausrichtung der VNG in erster Linie den ostdeutschen Standort betrifft?

Ulf Heitmüller:

Aufgrund der regionalen Verwurzelung der VNG in Ostdeutschland liegt es nahe, dass unsere kommunale Kooperationen vorzugsweise hier sind. Deshalb konzentrieren wir uns vor allem auf diese Region. Das schließt aber nicht aus, dass man auch überregional über den Osten hinaus unternehmerisch aktiv ist.

UNTERNEHMERIN KOMMUNE:

Die VNG als einer der Mitinitiatoren unterstützt seit 2003 das „Verbundnetz für kommunale Energie“ (VfkE). Dabei ging es in erster Linie um übergreifende Fragen mit besonderer Bedeutung für die Kommunen in den Neuen Ländern. Beispielhaft sei die herausragende Bedeutung der Kommunalwirtschaft genannt und das damit bestehende Erfordernis, dieser Tatsache durch kluge politische Rahmensetzungen in Ostdeutschland Rechnung zu tragen. Aktuell und auch für absehbare Zeiträume sind die Kommunen dort extrem bei der Umsetzung der Energiewende gefordert. Sie haben deutlich gemacht, dass sich die VNG hier als strategischer Partner versteht. Welche Rolle kann  ein Diskussionsforum wie das VfkE spielen?

Ulf Heitmüller:

Das „Verbundnetz für kommunale Energie“ hat sich als Plattform für den Austausch zu kommunalwirtschaftlichen Themen herausragend profiliert. Jetzt sehen wir, dass neben der Diskussion übergreifender Themen – ich nenne beispielhaft das Kommunalwirtschaftsrecht oder die Finanzausstattung – der Bedarf größer wird, sich sehr konkret über die Umsetzung der Energiewende zu verständigen. Mit der gebetsmühlenartigen Wiederholung von Begriffen wie Digitalisierung oder Dekarbonisierung kommen wir nicht weiter. Gefragt sind praktikable Lösungen, und nötig ist es, dass sich die Akteure vor Ort vernetzen. Insellösungen werden der Komplexität der Aufgabe nicht gerecht. Wenn sich das VfkE künftig in diesem Umfeld positioniert, zuhört, Impulse setzt und potenzielle Partner an einen Tisch bringt, wird es auf eine neue Weise produktiv sein und Nutzen stiften.

Hans-Joachim Herrmann:

Ich halte es zudem für sehr wichtig, dass wir nicht an Ressortgrenzen Halt machen. Regelmäßiger Austausch und gegenseitiges Verständnis sind der Schlüssel des gemeinsamen Erfolges. Das VfkE hat als angesehener Moderator und als stabiles Netzwerk das Potenzial, diese interdisziplinäre Diskussion anzustoßen und zu befördern.

UNTERNEHMERIN KOMMUNE:

Welche Rolle werden in 23 Jahren die Kommunen in Deutschland spielen?

Hans-Joachim Herrmann:

Ich hoffe sehr, dass die kommunale Selbstverwaltung in Deutschland in 23 Jahren wieder deutlich mehr der gelebten Realität entspricht als heute. An der Basis wird die Musik gemacht. Die Kommunen sind der Lebensmittelpunkt der Menschen. Sie werden daher immer eine elementare Rolle in unserem föderalen System einnehmen. Davon bin ich fest überzeugt.

Das Gespräch führte Michael Schäfer

Unsere Gesprächspartner

Hans-Joachim Herrmann wurde 1954 in Lutherstadt Wittenberg geboren. Der Geschäftsführer der Stadtwerke Lutherstadt Wittenberg GmbH studierte Elektrotechnik und Automatisierungstechnik in Berlin und Zwickau. Nach Tätigkeiten in der Industrie und Kommunalverwaltung übernahm er 1991 die Leitung der Wittenberger Stadtwerke.

Seit 1995 leitet er zusätzlich den Entwässerungsbetrieb der Lutherstadt. Herrmann ist Mitglied in verschiedenen Gremien der Branchenverbände „Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft“ (BDEW) und „Verband kommunaler Unternehmen“ (VKU). Bei letzterem ist er stellvertretender Vorsitzender der Landesgruppe Sachsen-Anhalt.

Im Oktober 2009 wurde er zum Vorsitzenden der Gesellschafterversammlung der VNG Verwaltungs- und Beteiligungsgesellschaft (VuB) gewählt. Er ist auch Mitglied des VNG-Aufsichtsrates.

 

Ulf Heitmüller wurde 1965 in Castrop-Rauxel geboren. 1993 schloss er sein Studium an der Leibnitz Universität Hannover als Diplom-Ingenieur Elektrotechnik ab. Von 1994 bis 2004 bekleidete er bei der BEB Erdgas und Erdöl GmbH & Co. KG in Hannover verschiedene Fach- und Führungspositionen. 2004 wechselte er zu Shell und war dort bis 2005 Bereichsleiter Operations bei Shell Energy Deutschland GmbH, von 2005 bis 2007 Project Manager bei Shell Energy Europe in London, und bis 2010 bei Shell Energy Deutschland GmbH Geschäftsführer, zugleich verantwortlich für den Gasverkauf  Nordwest-Europa bei Shell Energy Europe.

2010 wechselte Heitmüller zur EnBW. Von 2010 bis 2016 war er bei der EnBW Gas Midstream GmbH in Karlsruhe, Geschäftsführer und ab 2012 parallel bei EnBW Energie Baden-Württemberg AG in Karlsruhe, Leiter Trading & Supply.

Seit Oktober 2016 ist Ulf Heitmüller Vorstandsvorsitzender der VNG – Verbundnetz Gas AG Aktiengesellschaft in Leipzig.

Infos:
www.vng.de