Das unreife Wanken des Schlüpferdiebs in der Wolfsschanze

Ja, diesmal können Sie die Zwischenüberschrift „Erholung vom Sachbuch“ wörtlich nehmen. Ich hatte jedenfalls Spaß, Entspannung und Inspiration beim Lesen dieser 304 Seiten aus der Feder von Frank Michael Wagner. Die Kombination von Lesespaß und Hirnaktivierung ist so häufig nicht. Das wird mir immer schmerzlich bewusst, wenn ich mich in der Pflichtbranche dieser Rezensionsrubrik tummele und mich durch Werke mühe, deren Schwerverständlichkeit nur mit höchster Konzentration zu kontern ist. Die dann immer wiederkehrende Frage lautet: Warum gibt es  so wenige Menschen, die unstrittige fachliche Kompetenz mit seriöser Fabulierkunst verbinden können? Das erwarte ich ausdrücklich von wissenschaftlicher – und Fachliteratur. Es macht mir einfach mehr Spaß, die Stalinbiografie von Simon Sebag Montefiore zu verschlingen als mich durch jene von Jung Chang über Mao zu quälen. Beide Texte fachlich brillant, aber Niemand zählt die Käufer, die den Wälzer über den chinesischen Schlächter im Namen des Kommunismus nach zwanzig Seiten ent- und genervt für immer im Regal verschwinden lassen. Denn sie haben das Recht, ihren Feierabend oder Urlaubstag nicht nur bildend, sondern auch unterhaltend zu gestalten.

Was für wissenschaftliche Texte zutrifft, das gilt natürlich erst recht für belletristische Werke. Die Grenze zwischen Trivialliteratur a la Hedwig Courths-Mahler und hochkarätiger Unterhaltung auf dem Niveau eines  William Somerset Maugham ist natürlich fließend, und beide Gattungen finden zu Recht ihre Leser.

„Das unreife Wanken des Schlüpferdiebs in der Wolfsschanze“ – wenigstens einmal möchte ich diesen Titel, dem man anmerkt, dass er in einer Marketingabteilung zum Zwecke des Kaufanreizes geschmiedet wurde, in meiner Rezension unterbringen – sortiere ich in die Abteilung Somerset Maugham. Ich entdecke den Engländer nach langen Jahren Pause quasi neu, und habe gerade „Der Magier“ und „Theater“ mit Begeisterung gelesen. Und zwar „Am Stück“. In ähnlicher Weise hat mich die Geschichte gepackt, die Wagner über die Abenteuer einer pubertierenden Jugendgruppe in einem tschechischen Ferienlager in den frühen 70er Jahren erzählt. Das hat zuvorderst etwas mit der hohen erzählerischen und sprachlichen Qualität dieses Textes zu tun, weswegen ich mir sicher bin, dass er auch jeden anderen Leser fesseln wird. Es bedarf also, was den Gegenstand des Roman-Erstlings von Wagner betrifft, keiner besonderen inhaltlichen Affinität, um den Text zu goutieren. Wenn diese indes vorhanden ist, erweist sich das als handfester zusätzlicher Grund, zur Lektüre zu greifen. Das erste Stichwort dazu lautet „DDR-Alltag“. Ich habe in der Aprilausgabe „Stierblutjahre“ von Jutta Voigt vorgestellt. Und bei dieser Gelegenheit zum wiederholten Male beklagt, dass das Leben in der DDR-„Nischengesellschaft“ (Günter Gaus) viel zu selten Gegenstand von literarischer und historischer Aufarbeitung ist. Das Thema wird vielmehr im schmalen Raster von Klischees und Vorurteilen rauf und runter dekliniert, und leider ganz oft sogar von jenen, die diese Zeiten real nie erlebt haben. Anders Frank Michael Wagner. Er bezeichnet seine Geschichte als „frei erfunden“, aber er hat sich dabei nicht ins „Phantasia-Land“ bewegt. Wagner ist Ostdeutscher, er hat dort gelebt, wo die Ferienreise ins „Bruderland“ beginnt, nämlich in Thüringen, und er kennt das Chemiefaserkombinat Schwarza, das quasi die Kulisse abgibt für die Beschreibung jener DDR-Alltagswelt, aus der die Protagonisten kommen, in der sie leben, und die sie geprägt hat.

Auch wenn Wagner die Story seines Romans erdichtet hat, so ist diese Fiktion doch nach meinem Empfinden sehr nah an der Wirklichkeit. Das betrifft den Hauptstrang des Buches mit den spannenden Erlebnissen im Feriendomizil im tschechischen Böhmerwald. Aber es gilt gleichermaßen für die Einblendungen, in denen uns Wagner zurück nach Hause führt, und dieses hat – da mag mir der Schriftsteller erzählen, was er will – einen Namen, nämlich den des thüringischen Schwarza. Diese Montage aus Böhmerwald-Abenteuerimpressionen und dem Lebens- und Schulalltag in der Chemiefaserstadt ist sehr gelungen. Sie gibt dem Roman Stimmung und Rhythmus und zeigt uns im besten Sinne DDR-Alltag. Dass Wagner mit seinem ersten Roman auch der erste ist – jedenfalls haben meine ziemlich gründlichen Recherchen nichts anderes ergeben – mit dem die geneigten Leser in ein authentisches DDR-Betriebsferienlager reisen dürfen, ist auf dem Weg der nachträglichen Erkundung der für die meisten Nicht-Ossis unbekannten DDR kein exotischer Annex. Machen Sie die Probe auf’s Exempel und fragen wahllos bei Ostdeutschen nach, die Kindheit und Jugend in der DDR verbracht haben. Alle werden bestätigen, dass in den Sommerferien große Dinge erlebt wurden, die auch nach Jahrzehnten noch präsent sind.  Danke also an den Autor, dass er uns diese Tür geöffnet hat.

Ein zweites Stichwort nenne ich „Eigenleben“. Und wiederum betone ich, dass auch dieses kein notwendiges, sondern „nur“ ein hinreichendes Motiv ist, dieses Buch zu lesen. Aber reizvoll ist es schon, das, was Wagner uns erzählt, mit den eigenen Erlebnissen in den endlos langen Sommerferien zu vergleichen. Und zwar auf einer wirklich parallelen Ebene. Ich bin Jahrgang 1952. Ferien im Alter der jungen Leute, die uns der Autor nahebringt, hatte ich in den 60ziger Jahren. Das ist nahe bei den frühen 70zigern, in denen die Geschichte spielt.

Der Begriff Trivialliteratur ist hier schon gefallen, und zwar keinesfalls im diffamierenden Sinne. Ich selbst aber lese trotzdem lieber Texte, die Lesbarkeit und literarische Qualität vereinigen. Das trifft auf diesen Roman zu. Es hätte aber ganz anders kommen können. Denn eine naturalistische Schnulze hätte es bei diesem Inhalt auch werden können. Wagner hat das vor allem dadurch verhindert, dass er sich dem Thema auf satirische Weise genähert hat. Dass es eine von der Sorte „bitterböse“ wie es der Verlagstext auf dem Rücktitel verheißt, geworden ist, kann ich nicht bestätigen. Da ist vieles realistisch, und ich finde, so oder so ähnlich hätte sich auch eine wahre Geschichte zutragen können. Ferienlager war in der DDR allemale ein Abenteuer. Um nicht dem Sog der Verklärung lange zurückliegender Zeiten zu erliegen, habe ich meine Tochter Franca, eine geradezu leidenschaftliche Ferienlagerfahrerin, gefragt. Ihre verschmitzte Antwort: „Papa, Du kennst inzwischen viele, aber noch längst nicht alle Geschichten…..“

Ein Freund, der das Buch nach mir gelesen hat, wie ich ein Ossi und mit Bezug zum Thema, fand’s ein wenig „sexlastig“. Darüber habe ich lange nachgedacht, und kann dieser Wertung nur sehr bedingt folgen. Ich erinnerte mich beim Lesen an ähnliche, von mir selbst erlebte Episoden. Damals ging’s weniger freizügig zu, nicht so schnell zur Sache, und schüchterner waren wir auch. Aber die Ausschüttung von Hormonen im besagten Pubertätsstadium ist heute wie damals gleich. Der Unterschied bestand also letztlich darin, dass wir sprachlich und in unseren Phantasien vieles von dem „erlebt“, also vorweggenommen haben, was im Heute ganz einfach gemacht wird.

Meine beiden Anmerkungen sind ein Indiz, vielleicht sogar mehr, dass in der DDR sozialisierte Menschen das Buch über den Schlüpferdieb zu Tschechien anders lesen werden als ein Westmensch. Daraus kann und darf aber keinesfalls abgeleitet werden, dass das Buch für diese beiden Leserkategorien unterschiedlich interessant ist. Denn auch ohne den Bezug zur eigenen Erinnerung erschließt sich das Buch auch jenem, dem die konkrete Materie fremd ist. Auch im „Westen“ fuhr man als Kind in die Ferien, zeltete mit den Pfadfindern, oder den Jusos. Und bunt und verboten ging’s da ebenso zu wie im Böhmerwald. Und insofern ist Wagners Buch der ganz seltene Fall, dass es für einen quasi grenzenlosen Leserkreis zugänglich, ja mehr noch, dringend zu empfehlen ist. Es ist ein Kinder- und Jugendbuch. Es ist ein unterhaltsamer Roman für alle Alters-, Einkommens- und Bildungsklassen. Anspruchsvoll ohne manieriert zu sein. Leicht lesbare Kost ohne unzulässige Trivialitäten. Und ein spannendes „Geschichtsbuch“ obendrein.

Womit wir – und das habe ich mir bewusst für den Schluss meiner Rezension aufgehoben – bei der Geschichte selbst sind. Die vier halbwüchsigen Haupthelden des Romans eint das Interesse für den zweiten Weltkrieg und an den handelnden Personen, die im dritten Reich zuvorderst das Sagen hatten. Mit bemerkenswert profundem Wissen übernehmen sie im Feriendomizil die Rollen von Hitler, Himmler, Goebbels und Rommel und spielen Geschichte nach. Eigentlich sind sie zu alt für das Ferienlager. Aber dank guter Beziehungen, die auch in der DDR nur jenen schadeten, die keine hatten, durften sie auch oberhalb der zulässigen Altersgrenze – das waren 14 Jahre – die besonders attraktive Auslandstournee noch einmal mitmachen. Was ihnen neben den „Kleinen“ eine Sonderrolle einbrachte. Das damit  weniger an Integration ins normale Lagerleben bescherte ihnen die Freiräume, um die Geschehnisse an der historischen Wolfsschanze weitgehend unbeobachtet nachzuspielen. Natürlich im Spannungsfeld mit denen, die als Erzieher und Betreuer dafür zu sorgen hatten, dass auch im Ferienlager sozialistische Zucht und Ordnung herrschte. Diese fünf – drei Lehrerstudentinnen (für die war der Ferienlagerjob Teil der Ausbildung, und man begegnete ihnen in allen Lagerkategorien vom Betriebs- bis zum Zentralen Pionierlager), der Lagerleiter (ein promovierter Chemiker aus dem schon erwähnten Faserkombinat, und der hauptamtliche FDJ-Funktionär Helmut (nur hier würde ich zustimmen, dass der Autor ihn bös-satirisch, und dies zu Recht, überzeichnet). Und alle sorgten für „Zucht und Ordnung“. Aber eben nur in Maßen, denn sie waren zudem auch ganz gern mit sich selbst beschäftigt. Die Delegierung als Helfer ins Kinderferienlager galt als Arbeitszeit, und war damit ein zusätzlicher Urlaub. Da wurde von den Erwachsenen – sehr zur Freude der Schutzbefohlenen – ganz gern mal einer „gezwitschert“ und die phantastische Gelegenheit zum Fremdgehen fernab aller häuslichen Beobachtung wurde natürlich auch genutzt. Im Buch mutierte diese Freude sogar zum Erpressungspotenzial!

Die nachgespielte Weltkriegsgeschichte, die Spannungen zwischen Chefs und renitenten jungen Schutzbefohlenen und nicht zuletzt die Verselbstständigung von Hormonausschüttungen inklusive erster zarter Liebe sind die Zutaten einer Ferienmelange, die uns ausgesprochen heiter, stimmungsvoll und mit vielen überraschenden Wendungen erzählt wird. Am Ende ist alles gut, aber die Helden kommen anders zurück nach Thüringen als sie es verlassen haben.

Warum die vier Jungen ausgerechnet in die in die Haut von Hitler, Himmler, Goebbels und Rommel geschlüpft sind? Fragen Sie den Dichter! Auch hier habe ich in etlichen Nachfragen meine eigenen Erinnerungen aufgefrischt. Tenor: wahrscheinlicher wäre es gewesen, wenn sie Robin Hood oder Ivanhoe – diese Helden kannten wir aus den intensiv geschauten Samstagsnachmittagsserien im Westfernsehen – nachgespielt hätten.

Natürlich darf ein Autor seine Geschichten nicht durchs Raster der „Political correctness“ jagen. Er muss sie einfach erzählen. Genauso wie sie in seinem Kopf entstehen. Aber es muss auch damit leben, dass es einige geben wird, die nach der Lektüre des Romans nun endlich „wissen“, warum die AFD im Osten so viele Wähler hat, und weshalb es Rostock-Lichtenhagen gab………Insofern „bedient“ die Lagerstory ganz sicher ungewollt auch ein dominantes Meinungsbild mit Stichworten wie „verordneter Antifaschismus“, daraus angeblich gewachsener Rechtsgesinnung, oder dem Klischee von den verblödeten „Berufsfunktionären“. Insofern gerät der Autor nach meinem Geschmack auch hier und da ins Populistische. Das musste nicht sein, aber weil’s dem guten Gesamteindruck nicht wirklich schadet, kann ich’s verkraften.

Wer aber wirklich will, kann im Roman auch darüber lesen, dass arrivierte Fachleute wie der Doktor der Chemie einfach mal so drei Wochen lang ein Kinderferienlager geleitet haben, anstatt in dieser Zeit eine neue Chemiefaser zu erfinden. Oder auch andersrum: in den siebenwöchigen Sommerferien musste in der DDR kein Kind unbeaufsichtigt auf der Straße herumgammeln. Dass das etwas Gutes war, erlebe ich heute als Opa, wenn der Hort meines Enkels geschlossen bleibt. Da können, weil alles in unserer Nähe ist, Oma und Opa gut einspringen. Die alleinerziehende Aldi-Kassiererin, und derer gibt es viele, muss schlimmste Klimmzüge machen, um Tag für Tag jemanden aufzutreiben, der ein Auge auf den Sprößling wirft.

Ich habe Antifaschismus in der DDR übrigens nie als verordnet empfunden und sehe mich hier in einer Mehrheit. Vielleicht war er zu einseitig auf den kommunistischen Widerstand fokussiert, aber er war plausibel und überzeugend. Deshalb hätte ich – wäre ich denn als Autor tauglich, woran es mir leider gebricht – den Roman sehr gern und so gut geschrieben wie es Frank Michael Wagner getan hat. Aber ich hätte auf den Spruch „Ich hab Hunger, mir ist kalt, ich will zurück nach Buchenwald“ auf Seite 122 verzichtet. Auch wenn er verbürgt ist. Aber ebenso verbürgt ist, dass Nazismus, gelebt oder in Gestalt von Symbolik, etwa einer Hakenkreuzschmiererei, in der DDR die große Ausnahme war. Natürlich auch deshalb, weil solche Entgleisungen streng geahndet wurden!

Frank Michael Wagner: Das unreife Wanken des Schlüpferdiebs in der Wolfsschanze

Größenwahnverlag Frankfurt am Main
1. Auflage 2017

ISBN 978-3-95771-182-3

Rezensent: Prof. Dr. Michael Schäfer

Bewertung:

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